Cholesterin zu hoch – Darf ich kein Fett mehr essen?

25 Jun 2014 Keine Kommentare by

Im ersten Teil Ihres Interviews für docFood erläutert die Ernährungswissenschaftlerin und Fett-Expertin Ulrike Gonder, warum ein hoher Cholesterinspiegel allein noch kein Grund zum Angst vor Herzinfarkt und Arterienverkalkung sein muss. Im zweiten Teil des Interviews erklärt sie, warum man auch bei erhöhtem Cholesterin keine Angst vor Fett in der Nahrung haben muss und warum zu viel Kohlenhydrate problematisch sind.

 

doc Food: Bei hohen Cholesterinwerten wird in der Regel eine „Lebensstiländerung“ und eine so genannte „ausgewogene Ernährung“ empfohlen – mit überwiegend pflanzlichem Fett, reichlich Fisch, Obst, Gemüse und Vollkorn. Tierische Fette mit vielen gesättigten Fettsäuren sollten dabei möglichst vermieden werden. Führt das wirklich zum Erfolg?

Ulrike Gonder: Gegen Fisch und Gemüse ist nichts zu sagen, genauso wenig wie gegen pflanzliches Fett in Maßen. Für die Verteuflung der tierischen Fette gibt es allerdings keinen Grund. Wir wissen ja inzwischen, dass mit fettreichen tierischen Lebensmitteln aufgenommenes Cholesterin auf die Höhe des Cholesterinspiegels praktisch keinen Einfluss hat – außer bei seltenen, genetisch bedingten Erkrankungen. Zudem gibt es keinen Beleg in der wissenschaftlichen Literatur dafür, dass tierische Fette per se gesundheitsschädlich wären. Entscheidend ist letztlich auch, dass die Kalorienzufuhr stimmt. Satt werden mit weniger Kalorien – das sollte die Devise sein. Da spielen pflanzliche Lebensmittel natürlich eine große Rolle. Das hat aber nichts mit „fettarm“ zu tun. Fettarme Kost hat sich in der Vergangenheit nicht bewährt und keine Effekte gezeigt. Man kann sich mit pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln vernünftig ernähren. Auf gar keinen Fall sollte man die Fette stark reduzieren und die Kohlenhydrate stattdessen erhöhen, denn das verschlechtert praktisch alle Lipidwerte. Vor allem, wenn man gleichzeitig ein bisschen abspecken will, ist ein guter Proteinanteil wichtig für die Sättigung – ob der aus tierischem oder pflanzlichem Eiweiß kommt, ist eher Geschmackssache. Wer das vegetarisch machen möchte, kann das natürlich tun.

docFood: Sollte man dabei zwischen ‚guten‘ pflanzlichen und ‚schlechten‘, gesättigten tierischen Fetten unterscheiden?

Ulrike Gonder: Diese Einteilung ist Unsinn. Die oft geäußerte Ansicht, dass tierische oder gesättigte Fette schlecht seien, ist schlicht falsch! Schließlich enthalten tierische und pflanzliche Fette gesättigte Fettsäuren. Zudem erhöhen einige gesättigte Fettsäuren zwar das LDL-Cholesterin, die Partikel werden dabei jedoch größer und damit unschädlicher für die Gefäße. Zudem steigt durch gesättigte Fettsäuren das „gute“ HDL-Cholesterin. Insofern sind auch die gesättigten Fettsäuren durchaus nützlich. Alles in Maßen – das ist wichtig! Sicherlich sollte da immer auch ein großer Anteil an Gemüse dabei sein. Wenn Kohlenhydrate, dann sollten es ‚langsame‘ sein, also solche, die nicht so schnell ins Blut schießen – und genau die liefert das Gemüse. Beim Fett gilt: eher auf Qualität als auf die Menge achten.

docFood: Muss man bei tierischen Fetten nicht z.B. schon auch unterscheiden zwischen der Herkunft aus Wurst oder Fleisch?

Ulrike Gonder: Grundsätzlich kann man sagen: Eher Fleisch als Wurst, da große Mengen Wurst tatsächlich eher ungünstig sind. Es kommt aber auch hier auf den Kontext an: Wenn jemand viel Gemüse dazu isst und handwerklich erzeugte Produkte ohne Zusatzstoffe bevorzugt, kann das auch unproblematisch sein. Pauschalurteile mit generellen Empfehlungen finde ich sehr schwierig.

docFood: Nach Jahrzehnten, in denen Fett als Feind unserer Gesundheit verteufelt wurde, wird der Nährstoff im Moment von vielen Seiten rehabilitiert. Laufen wir jetzt Gefahr, dass das Pendel übermäßig zurückschlägt?

Ulrike Gonder: Wenn es um Empfehlungen für die Ernährung geht, hat es immer schon Übertreibungen gegeben, und das wird vermutlich auch so bleiben. Ich wünsche mir, dass man zu einem vernünftigen Mittelmaß kommt. Klar ist allerdings: Diese irrsinnige Verherrlichung der Kohlenhydrate als gesund, die ist einfach von gestern – das kann man nicht mehr machen. Ob aber jetzt jemand 35 oder 45 % seiner Kalorien in Form von Fett isst, ist vollkommen Wurscht. Entscheidend ist, dass die persönliche Energiebilanz und die Fettqualität stimmen. Viele Leute denken, dass man zunimmt, wenn man viel Fett zu sich nimmt. Entscheidend ist jedoch, dass die Kalorienmenge insgesamt den Bedarf nicht übersteigt. Solange das der Fall ist, spielt es überhaupt keine Rolle, ob das Fett jetzt die Hälfte oder ein Drittel der Kalorienmenge ausmacht. Natürlich ist dabei zu empfehlen, fettreiche Lebensmittel mit genügend kalorienarmen Lebensmittel zu kombinieren – mit Gemüse, Salaten, Pilzen, Obst, sodass es eine sättigende Mischung mit geringer Energiedichte wird.

docFood: Es gibt ja Produkte – beispielsweise Becel – die sich als Cholesterin senkend anpreisen. Was ist davon zu halten? Sollte man da komplett drauf verzichten? Haben die irgendeinen Sinn? Oder sind die sogar gefährlich wie vor nicht allzu langer Zeit in der Presse kolportiert wurde?

Ulrike Gonder: Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Diese Produkte sind unglaublich populär, weil man glaubte, man müsse nur den Cholesterinspiegel senken, um Herzinfarkte zu verhindern. Produkte, die mit Sterinen angereichert sind, senken tatsächlich den Cholesterinspiegel. Die große Frage ist, was mit dem Herzinfarktrisiko passiert. Das ist wissenschaftlich überhaupt nicht gut untersucht – und es ist keinesfalls logisch oder zwingend, dass es sinkt. Daher würde ich diese Produkte nicht allgemein empfehlen. Man kann bei Bedarf seinen Cholesterinwert auch ohne sie senken. Vor allem Menschen, die gar keine Probleme mit ihrem Cholesterinspiegel haben, muss man raten: Finger weg davon! Schließlich besteht die Gefahr, dass sich die Phytosterine im Körper mancher Menschen anreichern und dann möglicherweise das Herzinfarktrisiko sogar erhöhen. Was da genau passiert, muss die Forschung allerdings erst noch zeigen.

Das Interview führte Dr. Friedhelm Mühleib.

Ulrike Gonder  ist Diplom-Oecotrophologin und als freie Wissenschaftsjournalistin, Autorin und Referentin tätig. Sie setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, Ernährungsempfehlungen möglichst aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse auszusprechen, was insbesondere beim Thema Fett bis heute nicht ausreichend der Fall ist. Ihr Buch zum Thema: „Mehr Fett! Warum wir mehr Fett brauchen, um gesund und schlank zu sein.“

 

Bildquelle: gbh007 / 123RF Stockfoto

FOOD-DOKTOR, Verdauung & Stoffwechsel

Über den Autor

Dipl.-Oecotrophologe, Journalist, Berater.
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