Eiweiß der Zukunft: Insekten, Algen und Mikroben statt Fleisch?

25 Aug 2017 Keine Kommentare by

Wie lässt sich der Eiweißbedarf einer rasant wachsenden Menschheit in der Zukunft decken? Bestimmt nicht alleine mit Fleisch! Schon heute sind vor allem die armen Bevölkerungsgruppen in  Entwicklungsländern nur ungenügend mit lebenswichtigen Proteinen versorgt, während in den Industrieländern und in der Mittel- und Oberschicht vieler Schwellenländer der Fleischverzehr auf Rekordwerte steigt.

 

Jetzt hat sich der Bioökonomierat der Frage in seinem aktuellen Gutachten unter Federführung der Ernährungswissenschaftlerin Prof. Hannelore Daniel angenommen. Die Wissenschaftler empfehlen, durch die Erforschung, Entwicklung und Förderung neuartiger und effizient erzeugter Proteinquellen für eine nachhaltigere Eiweißversorgung möglichst vieler Menschen in der Zukunft zu sorgen.

 

Es gibt sie, die Alternativen zum Fleisch

Der Rat stellt fest, dass der übermäßige Verzehr von tierischen Nahrungsmitteln mit erheblichen negativen Auswirkungen auf Umwelt und Klima sowie mit einem hohen Ressourcenverbrauch verbunden ist und fordert, mit Hilfe von Forschung und verhaltensbasierten Ansätzen einen ressourcenschonenden Lebensmittelkonsum zu unterstützen. Für die Deckung des Proteinbedarfs bietet der Markt dabei heute schon zahlreiche vegane oder pflanzliche Alternativen, so zum Beispiel Hülsenfrüchte und aus ihnen gewonnene Lebensmittel wie z.B. Tofu. Großes Potenzial bieten eine Reihe unkonventioneller Alternativen, so die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Hannelore Daniel, Ratsmitglied und Mitautorin des aktuellen Gutachtens: „Die wohl spannendsten Entwicklungen spielen sich gerade in der Proteingewinnung durch Algen, Insekten und Mikroorganismen sowie bei artifiziellem Fleisch ab“  Was die Nutzbarmachung neuartiger Proteinquellen betrifft, hat der Bioökonomierat diese vier und eine weitere Alternative im Fokus:

 

● Lebensmittel auf Algenbasis

Unter den Algen findet sich eine Reihe von genießbaren Arten mit  vorteilhaften Eigenschaften für die menschliche Ernährung. Sie enthalten neben hochwertigem Protein auch andere Nährstoffe wie ungesättigte Fettsäuren und Vitamine, deren Konzentration durch Züchtung weiter erhöht werden kann. Der Proteingehalt vieler Arten liegt ähnlich hoch oder ist höher als der in Hülsenfrüchten oder tierischen Produkten wie Eiern. Der Anbau von Algen benötigt weniger Fläche als der von Nutzpflanzen und hat das Potential, große Mengen Treibhausgas-Emissionen einzusparen, besonders wenn die Produktion mit der Erzeugung von Biokraftstoffen gekoppelt ist.

 

● Lebensmittel auf Insektenbasis

Eine alternative tierische Quelle für Eiweiß stellen Insekten dar. Etwa 1.500 bis 2.000 Insektenarten werden in mehr als 100 Ländern der Welt verzehrt. Sie könnten auch in Europa zu einer nachhaltigeren Proteinproduktion beitragen, sind jedoch als Lebensmittel noch wenig akzeptiert und bisher (mit wenigen Ausnahmen) auch nicht zum Verzehr in der EU zugelassen. Wie andere tierische Lebensmittel auch, haben Insekten einen hohen Proteingehalt mit einer hohen biologischen Wertigkeit. Auch der Gehalt an ungesättigten Fettsäuren ist oft hoch sowie der an Ballaststoffen in Form von Chitin und wichtiger Mineralstoffe wie Eisen, Kalzium und Zink. Forschungs- und Studienbedarf besteht jedoch zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit beim Verzehr größerer Mengen und über einen längeren Zeitraum, insbesondere wenn die Fütterung der Insekten zum Beispiel mit Lebensmittelabfällen erfolgen sollte. Hier bestehen durchaus mikrobiologische Risiken, da Insekten auch Überträger von Krankheiten sein können. Weiterhin besteht Forschungsbedarf zur Identifikation möglicher Allergene und zur Prozessierung von Insekten für die Isolierung von Eiweiß und/oder anderen Bestandteilen.

 

● Mikrobielles Eiweiß

Neben Mikroalgen kann mikrobielles Protein auch aus Hefen, Pilzen und Bakterien gewonnen werden. Die biologische Wertigkeit der erhaltenen Proteine variiert je nach Organismus, ist allgemein jedoch relativ hoch. Was den Verbrauch an Wasser, Fläche und anderen Ressourcen betrifft, kann die Produktion von mikrobiellem Protein eine sehr sparsame bzw. effiziente Alternative sein. Wenn industrielle Abgase als Kohlenstoffquelle genutzt werden können, kann die Produktion mikrobiellen Proteins sogar einen negativen CO2-Fußabdruck erreichen.

 

● In-vitro-Fleisch

Die Idee, nur die gewünschten Teile von Tieren in einem geeigneten Medium zuzüchten, wurde in einem vielzitierten Ausspruch bereits von Winston Churchill 1932 angedacht. Doch erst seit Kurzem ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass die Produktion von Fleisch in Form von Muskelfasern in vitro möglich wird. Ziel ist dabei in der Regel, proteinhaltiges Muskelfleisch aus entsprechenden Stammzellen zu generieren und damit die Produktion über ein Tier zu umgehen. Haltung und Schlachtung von Tieren werden damit überflüssig und große Einsparungen bei Fläche, Wasser und Ressourcen werden möglich. Allerdings gibt es noch zahlreiche Herausforderungen und technologische Unsicherheiten für die nachhaltige In-vitro-Produktion von Fleisch oder Fisch in großem Maßstab. Dazu gehören der relativ hohe Energiebedarf sowie hohe Kosten für die Kulturmedien und Wachstumsfaktoren.   Kritik an der Idee von in-vitro-Fleisch richtet sich vor allem gegen diesen Aufwand und den beachtlichen Ressourceneinsatz.

 

● Neuartige pflanzliche Quellen

Seit einigen Jahren finden sich neue Pflanzenarten als Nahrungsmittel auch auf dem deutschen Markt. Manche davon weisen einen relativ hohen Proteingehalt auf, wie zum Beispiel Quinoa- und Chiasamen, die beide unter die Novel-Food-Verordnung fallen. Eine weitere mögliche, neuartige Proteinquelle pflanzlichen Ursprungs sind Wasserlinsen. Sie enthalten viel Proteingehalt und produzieren zudem schnell Biomasse. Da sie im Wasser wachsen, steht ihre Produktion (so wie die von Algen) nicht in Konkurrenz zu terrestrischen Pflanzen um fruchtbaren Boden. Die Pflanzenforschung wird voraussichtlich weitere Pflanzen mit vorteilhaften Eigenschaften identifizieren, welche die Proteinversorgung ergänzen und tierische Produkte ersetzen können. Neueste Technik und moderne Züchtungsverfahren können dabei auch die effiziente Nutzung von bisher nicht domestizierten Arten ermöglichen.

 

docFood meint

„Neue Lebensmittel dieser Art könnten die Ernährung der Zukunft revolutionieren. Hierfür muss man die Forschung und Entwicklung von alternativen Proteinquellen jedoch stärker fördern“, meint Ko-Ratsvorsitzende Prof. Christine Lang und appelliert im Namen des Bioökonomierates an die Politik, finanzielle Mittel und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu sichern. Zudem weist der Rat auf die hohe Bedeutung des Verbraucherverhaltens hin. Nur wenn der Kunde im Supermarkt nicht zum herkömmlich erzeugten Stück Fleisch, sondern zum veganen Milchersatz oder dem Insektenprotein greife, hätten die Neuerungen demnach eine Chance. Dafür müssetn sie jedoch erst einmal in den Regalen stehen. Länder wie die Schweiz machen es vor – dort hat eine große Supermarktkette kürzlich einen Insekten-Burger in ihr Sortiment aufgenommen. Das ist sicher ein guter Weg. Doch auch die Reduzierung des Fleischkonsums in den Industrieländern auf ein vernünftiges Maß würde helfen,die Problemlage zu entschärfen, getreu dem Motto: Fleisch – die Hälfte reicht!

Dr. Friedhelm Mühleib

Quelle: BÖRMEMO 06 vom 24.08.2017 ‚Bioökonomie für eine nachhaltige Ernährung‘

Alternativ, Fleisch & Geflügel, Nährstoffe, WAS WIR ESSEN, WIE WIR ESSEN

Über den Autor

Dipl.-Oecotrophologe, Journalist, Berater.
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