„Fast Food ist auch ein Stück Befreiung“

22 Apr 2014 Keine Kommentare by

Dr. Gesa Schönberger im Interview mit docFood

Alles muss schnell gehen. Der moderne Mensch steht unter Druck. Da bleibt keine Zeit – schon gar nicht fürs Essen. Viele Menschen lösen das Problem in ihrem Alltag mit immer mehr Fast Food. „Unsere ganze Gesellschaft ist fast. Dem kann sich auch unsere Esskultur nicht entziehen.“ meint Dr. Gesa Schönberger. Die Esskultur gehört zu den zentralen Themen, mit denen sich die Oecotrophologin im Rahmen ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin der Dr. Rainer Wild-Stiftung für gesunde Ernährung in Heidelberg beschäftigt.

Im Interview mit docFood empfiehlt sie eine möglichst vorurteilsfreie Betrachtung und beklagt das einseitig negative Image, das Fast Food oft zugeschrieben wird: „Wer nur zu gerne am Altbekannten festhält, dem fällt die Auseinandersetzung mit dem Wandel der Esskultur schwer.“ Lesen Sie hier, was schnelles Essen an Positivem mit sich bringt, was Slow Food leisten kann und warum Fast Food auch ein Stück Befreiung ist – z. B. von den überkommenen Regeln einer patriarchalischen Esskultur im bürgerlichen Haushalt.

docFood: Lässt sich der Megatrend zum Fast Food als Verfall der Esskultur interpretieren?

Schönberger: Ganz und gar nicht. Hinter dem Trend zu Fast Food steht der Wunsch, den ganzen Bereich der Essensbe schaffung und -zubereitung zu minimieren. Essen und Trinken soll mit wenig Aufwand möglich sein. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir unsere Zeit heute für andere Dinge nutzen – beispielsweise für Erwerbs tätigkeit, Bildung, Mobilität. Fast Food kann in diesem Sinne als Beitrag zu einer Arbeitsteilung betrachtet werden, die erst durch die hoch entwickelte Lebensmittelverarbeitung möglich wurde. Das ist eine kulturelle Errungenschaft die uns weitgehend von der Notwendigkeit entbunden hat, viel Zeit für die Beschaffung, Zubereitung und Lagerung des Essens aufzubringen. Man kann es also auch als Privileg sehen, dass wir in einer solchen Zeit leben dürfen. Dass wir das Getreide mahlen und unser Brot selber backen, ist nicht mehr notwendig. Dazu kommt der geringe Preis. Etwas selber zu machen, ist oft teurer, als wenn ich den Joghurt im Becher oder das Brot an der Theke kaufe. Es sprechen also viele Gründe dafür, die Erleichterungen anzunehmen, die Ernährungswirtschaft und Handel uns mit „schnellen“ Produkten bieten.

docFood: Fast Food wäre demnach aus Ihrer Sicht eine logische Entwicklung unserer heutigen Zeit?

Schönberger: So ist es, kulturelle Entwicklungen kommen ja nicht aus dem Nichts. Sie sind das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, in denen die Mitglieder einer Gesellschaft Normen, Werte und Verhaltensweisen miteinander fortentwickeln. Aus individueller Sicht mag man die Ergebnisse als gut oder schlecht beurteilen. Gesellschaftlich steht allerdings in der Regel ein Konsens dahinter, der sich gewöhnlich über Jahre und Jahrzehnte bildet mit dem Tenor: So wollen wir es, so wollen wir leben. Auch den Trend zum Fast Food gibt es ja nicht erst seit gestern: Justus Liebigs Fleischextrakt ist ein typisches Beispiel für eine frühe Form des Fast Food. Für die damalige Zeit war das eine geniale Idee – etwas zu konzentrieren, was man dann nur noch mit Wasser aufgießen muss, um es dann zu verzehren. Heutzutage betrachten wir das gar nicht mehr als Fast Food, wir nehmen es als Selbstverständlichkeit. Aber es ist natürlich fast und convenient.

docFood: Vom „Verfall“ der Esskultur zu sprechen, wäre also eine unzulässige Wertung?

Schönberger: Kultur ist nie statisch, sie entwickelt sich permanent. Das eine entsteht und das andere verschwindet. Insofern würde ich nie von Verfall oder Verlust sprechen. Was Sie ansprechen, ist der Verlust einer gewissen Form von bürgerlicher Hochkultur. Von einer Form des Essens also, die eine bestimmte Epoche kennzeichnete. Der gedeckte Tisch mit Tafelsilber, Kristallglas, Tischdecken und dem ganzen Drumherum ist im Adel entstanden und dann vom Bürgertum übernommen worden. Das klassische Bürgertum ist verschwunden – und mit ihm verschwinden die alten Essensregeln und Tischsitten. Das sind ganz normale Veränderungsprozesse.

docFood: Heißt das, dass die aktuelle Kultur von dem bestimmt wird, was aktiv gelebt wird?

Schönberger: Ja, nehmen Sie das schnelle Essen aus der Hand. Es ist schon seit vielen Jahren Bestandteil der Esskultur der Jugend und deshalb auch für viele Erwachsene normal. Daneben leben immer noch viele Formen der „alten“ Esskultur mit ihrem Regelwerk und ihren Normen, wie etwa die große Nachfrage nach Benimmkursen zeigt. Die gleichberechtigte Existenz von Parallelwelten und die Fähigkeit der Menschen, nahtlos zwischen den verschiedenen zu wechseln, gehört ganz offensichtlich zu den Kennzeichen der gegenwärtigen Esskultur. Wir Kultur von dem bestimmt wird, was aktiv warten hungrig am Bahnhof auf den nächsten Zug, essen dort noch schnell was aus der Hand, um am gleichen Abend fein zu recht gemacht im Gourmet – lokal zu speisen.

Esskultur, Fast & Slow, GENUSS, WIE WIR ESSEN

Über den Autor

Dipl.-Oecotrophologe, Journalist, Berater.
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