Ketogene Ernährung hilft kranken Kindern

25 Jul 2017 1 Kommentar by

Unter Ernährungsfachkräften ist die ketogene Diät nach wie vor umstritten. Als Alltagskost für Gesunde ist die extreme Variante einer Low-Carb-Ernährung eher kritisch zu betrachten. Trotzdem gibt es therapeutische Bereiche, in denen die ketogene Diät sogar Leben retten kann: Pyruvat-Dehydrogenase (PDH)-Mangel z. B. ist eine seltene Störung des Kohlenhydrat-Stoffwechsels, die auf einen Gendefekt zurückgeht und bei Betroffenen bereits im Kindesalter auftritt.

 

Bleibt die Erkrankung unentdeckt, schädigt sie das Gehirn irreparabel. Früher führte sie schon im Kindesalter zum Tod. Eine ketogene Diät gehört heute zu den wichtigsten therapeutischen Säulen bei der Behandlung des PDH-Mangels.

 

So funktioniert die ketogene Diät

Kohlenhydrate sind die wichtigsten Energielieferanten unseres Körpers. Fehlt PDH, können Kohlenhydrate nicht mehr (bzw. nur noch unvollständig) in Energie umgewandelt werden. Die Folge ist eine gestörte Versorgung der Zellen mit Energie, was sich insbesondere in der Muskulatur und im Gehirn auswirkt: Die betroffenen Kinder leiden unter häufigen unkontrollierbaren Krampfanfällen und anderen neurologischen Symptomen, die in erster Linie auf Muskelschwäche zurückzuführen sind. Die therapeutische Wirkung einer ketogenen Diät liegt in ihrem extrem niedrigen Gehalt an Kohlenhydraten. Bei der ketogenen Diät nehmen die Patienten kaum Kohlenhydrate zu sich, wenige Proteine, stattdessen aber sehr viel Fett. Der Fettanteil der ketogenen Diät kann 90 Prozent erreichen. Seinen Energiebedarf bezieht der Stoffwechsel nun fast ausschließlich aus Ketonkörpern, die aus dem Abbau der Fette im Stoffwechsel entstehen.

 

Ernährungswissenschaftler helfen bei der Umsetzung

Prof. Dr. Thorsten Marquardt und sein Team am Universitätsklinikum Münster (UKM) behandeln rund 1000 betroffene Kinder und Jugendliche mit PDH-Mangel und anderen seltenen Stoffwechselerkrankungen in Dauertherapie. „Wir können sie nicht mit Medikamenten behandeln, weil bislang keine existieren“, sagt der Mediziner. Die ketogene Diät zeigt bei einigen dieser Erkrankungen jedoch eine nachweisbar positive Wirkung (1). Weil die Umsetzung dieser Art von Ernährungstherapie sehr anspruchsvoll ist, hat Marquardt eine Kooperation mit Tobias Fischer von der FH Münster initiiert. Der Ernährungswissenschaftler ist am Fachbereich Oecotrophologie als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und entwickelt neue Therapiekonzepte bei seltenen Stoffwechselerkrankungen. Marquardt: „Es hilft nichts, den Patienten zu empfehlen, fettreich zu essen. Viele halten diese extrem herausfordernde Diät nicht dauerhaft durch. Schon ein kleiner Schokoriegel unterbricht die Therapie und kann wieder Symptome hervorrufen.“ Zudem, so Fischer, sind die Empfehlungen zu ketogener Ernährung, die Betroffene im Internet und in Büchern finden, häufig mangelhaft. Oft sind auch die Rezepte für die Mahlzeiten so kompliziert, dass sie im Alltag schlicht nicht umsetzbar sind Deshalb kam ihm die Idee, einen praktischen und wissenschaftlich fundierten Ratgeber in Form eines Buches zu entwickeln.

 

Ratgeber mit praktikablen Rezepten erscheint im Herbst

So wird die Entwicklung von praktikablen Rezepten und Mahlzeiten für die Betroffenen einen wichtigen Stellenwert in dem Ratgeber einnehmen. „Die große Kunst dabei ist, sie trotz des außerordentlich hohen Fettanteils schmackhaft, ansprechend, kindgerecht und einigermaßen ausgewogen zusammenzustellen“, sagt Fischer. Da diese Diät sowohl den betroffenen Kindern als auch den Erwachsenen sehr viel Disziplin und Kraft abverlangt, wird das Buch auch motivierende Geschichten und unterstützende Tipps enthalten. Es wird voraussichtlich Ende 2017 erscheinen. Für Ernährungsfachkräfte, die kleine und große Patienten mit entsprechenden Erkrankungen betreuen, wird das Buch der Münsteraner Experten eine wichtige Hilfe sein.

 Red.

 

1) etwa bei jungen Epileptikern, Menschen mit Glukosetransporterstörungen und bei der Behandlung des Rett-Syndroms, des Landau-Kleffner-Syndroms und des Ohtahara-Syndroms.

 

Quelle: FH Münster, Fachbereich Oecotrophologie – Facility Management

Foto: © FH Münster/Fachbereich Oecotrophologie – Facility Management

 

Ernährungsprofis, FOOD-DOKTOR, Verdauung & Stoffwechsel

Über den Autor

Redaktion von docFOOD

One Response to “Ketogene Ernährung hilft kranken Kindern”

  1. Christian says:

    Danke erst einmal für den Artikel. Wieso die ketogene Diät als „Extrem-Diät“ und als „kritisch zu betrachten“ hingestellt wird, bleibt wohl für immer ein Rätsel. Das geht durch das Netz, wie nichts. Eine vernünftige Erklärung dafür habe ich noch kein einziges mal entdecken können. Schlichtweg, weil es keine gibt. Die ketogene Diät ist nicht „extrem“. Die Ketose ein natürlicher Zustand, der bereits Urmenschen das Überleben in kargen Zeiten ermöglicht hat – also im Winter ohne KH und während Hungerperioden. Ohne die Ketose, wären wir alle nicht hier. „Extrem“ sind Ernährungsweisen wie „Vegan“. Und warum ist die ketogene Diät als Alltagskost kritisch zu betrachten? Es gibt keine einzige negative Auswirkung auf die Gesundheit – ganz im Gegenteil (abgesehen von Diabetes Typ 1 Patienten, für die es gefährlich sein könnte)? Klar tun sich Ärzte und Wissenschaftler schwer damit das zu akzeptieren. Wer gibt schon gerne zu 30 Jahre lang das falsche gelehrt zu haben.

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