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Mangelernährung – die unterschätzte Gefahr

Ärzte fordern bessere ernährungsmedizinische Betreuung von Tumorpatienten zur Bekämpfung von Mangelernährung: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. stellt in ihrer aktuellen Pressemeldung fest, dass bei Tumorerkrankungen im Magen-Darm- oder im Kopf-Hals-Bereich bis zu 80 Prozent der Patienten bereits mangelernährt sind, bevor eine Behandlung begonnen wird. Dabei könne eine rechtzeitige und individuelle ernährungsmedizinische Betreuung den Therapieerfolg positiv beeinflussen und die Lebensqualität der Krebspatienten verbessern.

 
„Für die Genesung müssen Krebspatienten alle Kräfte mobilisieren. Mangelernährung und Untergewicht verschlechtern die Lebensqualität und wirken sich negativ auf die Prognose aus“, erklärt die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) Prof. Dr. med. Stephanie E. Combs.
 

Ernährungsmedizinische Betreuung ein ‚Muss‘

Wenn der Krebs den Magen-Darm-Trakt oder den Kopf-Hals-Bereich befallen hat, leiden viele Patienten unter Schluckbeschwerden oder Verdauungsstörungen. Kommen dann bei einer Strahlentherapie, insbesondere wenn diese mit einer Chemotherapie kombiniert werden muss, auch noch Übelkeit und Erbrechen hinzu, werden Gewichtsabnahme und Mangelernährung zu einem echten Risiko für den Therapieverlauf. „Deshalb sollte jeder Tumorpatient ernährungsmedizinisch betreut werden“, so Combs. Am besten wird der Ernährungsstatus eines Patienten schon vor Beginn einer onkologischen Therapie erfasst, denn ist die Mangelernährung erst fortgeschritten, helfen oft nur noch eine Magensonde oder Infusionen, um den Patienten ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Auch die aktuelle S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin  bestätigt die Notwendigkeit und den Nutzen der Ernährungstherapie: Sie kann die Leistungsfähigkeit, den Stoffwechsel, die Therapieverträglichkeit und die Lebensqualität deutlich verbessern. Prof. Dr. med. Rainer Fietkau, Direktor der Strahlenklinik am Universitätsklinikum Erlangen und Vorstandsmitglied der DEGRO zieht daraus den Schluss „Hier ist die Vernetzung der Ärzte gefragt. Radioonkologen sollten mit Ernährungsmedizinern und Ernährungsberatern zusammenarbeiten, um für Krebspatienten einen passenden Ernährungsplan aufzustellen.“
 

Zur Umsetzung fehlt der politische Wille

Kliniken und onkologische Fachpraxen, in denen professionelle Ernährungstherapie und –beratung für Tumorpatienten angeboten wird, sind in der Praxis leider die Stecknadeln im Heuhaufen. Dabei sind Tumorpatienten nur eine – wenn auch wichtige Gruppe von kranken Menschen, die von Mangelernährung betroffen sind. Mangelernährung ist die große unterschätzte Bedrohung, die nicht nur von Medien und Öffentlichkeit, sondern auch vom Gesundheitssystem und sogar den Betroffenen selbst unbeirrt unterschätzt bzw. sogar ignoriert wird. Nicht umsonst zählt z. B. die „Initiative Nachrichtenaufklärung e. V.“ die Mangelernährung zu den Top Ten der vernachlässigten Nachrichten im Jahr 2016. Da ist es zumindest ein kleiner Trost, wenn eine medizinische Fachgesellschaft wie die AMWF endlich das Thema aufgreift und nach der einzigen Maßnahme ruft, die zur Eindämmung der Mangelernährung führen kann: Ernährungsmedizinische und ernährungstherapeutische Betreuung und Behandlung der Patienten. Bis heute ist ernährungsmedizinische Betreuung bzw. Ernährungstherapie als Instrument zur Behandlung der Mangelernährung nicht anerkannt. Es gibt nach wie vor weder ein obligates Screening auf Mangelernährung in Krankenhäusern noch eine strukturelle Verankerung interdisziplinärer Ernährungsteams im klinischen Bereich – vom ambulanten Bereich ganz zu schweigen. Hier ist die Gesundheitspolitik gefragt. Die hüllt sich jedoch in so hartnäckiges Schweigen, dass man fast schon bezweifeln könnte, ob dort irgendjemand das Problem überhaupt kennt.
 

docFood meint

Ernährungsmediziner und Ernährungsfachkräfte jeder Couleur,  vereinigt euch und fordert von der Politik eine einheitliche, angemessene Honorierung für alle professionellen Leistungen im Zusammenhang mit der Mangelernährung – sowohl für die ärztliche Leistung im klinischen und ambulanten Bereich alsauch für die Ernährungstherapie durch Ernährungfachkräfte. Die Berufs- und Fachverbände sollten ihre Stimme immer wieder öffentlich erheben, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Schade, die Chance, dies im Vorfeld der Wahlen zu tun, ist schon vertan.

Dr. Friedhelm Mühleib

Ernährungsberatung: „Wir brauchen mehr Selbstbewusstsein!“

In einem der letzten Beiträge berichtete docFood über die Kritik des Verbandes der Diätassistenten in Deutschland (VDD) an zahllosen selbsternannten „Ernährungsberatern“ die ihre Dienste z. T. ohne jegliche geprüfte Qualifizierung anbieten – was möglich ist, weil die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. docFood spricht im folgenden Interview mit Birgit Blumenschein (Foto) über die Stellung von Ernährungsfachkräften in Deutschland und die Frage, ob der Begriff „Diätassistent(in)“ für das Image der Ernährungsberatung kontraproduktiv ist. „Wir brauchen  mehr Selbstbewusstsein und sollten stolz auf unsere Ausbildung und unsere Fähigkeiten sein – und entsprechend mehr über Ernährungsthemen reden statt über Berufsnamen.“ meint die selbstständige Diätassistentin mit eigener Praxis in Münster, die seit vielen Jahren aktives Mitglied des VDD ist. Zudem ist die Dipl. Medizinpädagogin als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der praxisHochschule Rheine, Studiengang Clinical Nutrition tätig und Mitautorin des Standardwerkes „Erfolgreich selbstständig als Ernährungsfachkraft“.
 
dF: Frau Blumenschein, die aktuelle Pressemeldung des VDD beklagt den Missbrauch, der mit dem Begriff Ernährungsberater betrieben wird. Trägt daran die unglückliche Berufsbezeichnung Diätassistent(in) schuld? Mit dem Begriff Diätassistent(in) (DA)verbinden Verbraucher bis heute wohl eher eine Person, die bei einer Diät assistiert als jemanden, der qualitätsgesicherte Ernährungsberatung betreibt.
Blumenschein: Es kommt vielen so vor, dass der Begriff „assistent“ lediglich eine assistierende und damit nicht eigenverantwortliche Tätigkeit in der Diätetik und Ernährungsmedizin suggeriert. Das ist aber ganz und gar nicht so. Gemäß Berufsgesetz sind Diätassistenten verpflichtet, eigenverantwortlich und selbstständig entsprechende ernährungsmedizinische und diätetische Maßnahmen zu planen, durchzuführen und zu überwachen. Andere medizinische Fachberufe wie etwa die Pharmazeuitisch- und Medizinisch-technischen Assistenten (PTAs und MTAs)  – bei denen es übrigens keine solche „Namensdiskussionen“ gibt – führen auch den „Assistenten“ im Namen und üben auf Anordnung des Arztes/der Ärztin eine verantwortungsvolle Tätigkeit aus. Sie tun das mit dem Selbstverständnis, dass es ohne ihre Zuarbeit keine Diagnosen und keine Therapieplanungen gäbe. Das ist manchen meiner Kolleginnen /Kollegen in ihrer täglichen Arbeit im ärztlichen und therapeutischen Kontext scheinbar nicht immer so deutlich. Allerdings hat der Wissenschaftsrat schon lange angeregt, die Berufsnamen der „Assistenzberufe“ zu modifizieren, um ihren verantwortungsvollen Tätigkeiten auch „objektiv“ gerecht werden zu können und Irritationen auszuschließen.
dF: Hätte man die Psychologen bei der Festlegung der Berufsbezeichnung Seelenklempner genannt, würde sich wohl niemand behandeln lassen.. Für das Marketing der Berufsgruppe ist die Bezeichnung DA im Grunde geschäftsschädigend. Gibt es Wege aus dieser ‚Bezeichnungsfalle‘ ?
Blumenschein: Auch wenn das Beispiel witzig klingen mag und zudem plakativ ist, sehe ich das durchaus anders. Eine Berufsbezeichnung alleine ist weder Garantie für Qualität noch für den Aufbau eines erfolgreichen Geschäftes oder Angebotes. Auf die Oecotrophologen, die in Ernährungstherapie und –beratung tätig sind, trifft das ja eigentlich genauso zu. Auch der Begriff Oecotrophologe wird von Klienten/Kunden häufig hinterfragt. Ich denke, wir brauchen in allererster Linie mehr Selbstbewusstsein. Wir sollten stolz auf unsere Ausbildung und unsere Fähigkeiten sein – und entsprechend mehr über Ernährungsthemen reden statt über Berufsnamen. Dann würden Verbraucher mit unseren Themen sofort die qualifizierte Ernährungsfachkraft verknüpfen und gar nicht erst über die „Assistenten“ nachdenken.
dF: Es gab doch schon früher Versuche, die Bezeichnung zu ändern oder zu modifizieren. Warum waren die bis heute nicht erfolgreich?
Blumenschein: Bisherige Versuche sind u.a. am Gesetzgeber gescheitert. Der steht in Deutschland auf dem Standpunkt, dass ohne definierten Grund – wie etwa eine gravierende Ausbildungsänderung – der gesetzlich geschützte Berufsname nicht geändert werden kann und soll. Der Gesetzgeber hat bereits in 2010 Vertretern des Berufsverbandes mitgeteilt, er sehe keine Notwendigkeit, einzig auf der Basis des Argumentes dass „der Name die Patienten irritiert“ eine dermaßen tiefgreifende Änderung herbeizuführen. Um einer anderen Berufsbezeichung willen nun unsere Ausbildung zu ändern, macht aus meiner Sicht allerdings wenig Sinn. Der VDD und viele Diätassistenten tun schon seit Jahren Gutes, in dem sie sich im klinischen und ambulanten Bereich durch ihre leistung profilieren und qualifizierte Ernährungsberatung täglich praktizieren. Es geht uns weniger um den Namen als darum, zu zeigen, dass die Arbeit in der Ernährungsberatung/-medizin und Diätetik eben nicht von jedem erledigt werden kann, nur weil er auch isst und trinkt.
dF:  Müssten sich nicht über den VDD hinaus alle Akteure im Bereich der qualifizierten Ernährungstherapie und -beratung  zusammentun, um die Sache gemeinsam voranzubringen?
Blumenschein: Da müsste zunächst definiert werden, zu diesen Akteuren tatsächlich dazugehört. Zu den typischen, durch staatlich anerkannte Ausbildung bzw. Studium absolvierten definierten „Ernährungsfachkräften“ gehören in Deutschland  in erster Linie Diätassistenten und Oecotrophologen. Zugehörig und über Zertifikate auch bei Krankenkassen anerkannt sind z.B. Bachelor/Master of Science mit Schwerpunkt Lebensmittel und Ernährung, Diplom-Ingenieure mit Schwerpunkt Ernährung. Alle diese Berufsgruppenangehörigen werden (oft mit entsprechender Zusatzqualifikation) formal als „Ernährungsfachkraft“ anerkannt. Die Mitglieder dieser Berufsgruppen zusammen zu bringen, um den Gedanken der qualitätsgesicherten Ernährungsberatung – und therapie voranzubringen, wäre sicherlich schwierig – aber nicht undenkbar. Dahinter müsste das Ziel stehen, sich im Einsatz für die qualitätsgesicherte Ernährungsberatung nicht auf Namen oder Berufsbezeichnungen zu reduzieren, sondern gemeinsam Inhalte, Fähigkeiten und Tätigkeiten in den Mittelpunkt zu stellen. Damit wäre schon viel erreicht.
dF: Frau Blumenschein, ich danke Ihnen für das Gespräch
 
Mehr über Birgit Blumenschein auf Ihrer Website
 

 Dr. Friedhelm Mühleib

Hypertonie: „Wir brauchen den ganzheitlichen Blick“

Heute ist Welt-Hypertonietag: Etwa 20 bis 30 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Bluthochdruck (Hypertonie). Das ist fast jeder Dritte. Zwar erkranken vor allem ältere Menschen, aber zunehmend sind auch Jüngere betroffen. Ein unbehandelter Bluthochdruck ist Risikofaktor Nr. 1 für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und damit für viele Todesfälle durch Herzinfarkte und Schlaganfälle verantwortlich. Im Interview mit docFood fordert  Dr. Dr. Charles C. Adarkwah: „In der Therapie der Hypertonie brauchen wir den ganzheitlichen Blick.“
 
Dabei kritisiert der Ernährungsmediziner, Hypertensiologe und Gesundheitsökonom, dass Lifestylefaktoren wie Ernährung und Bewegung in der Therapie nach wie vor noch nicht den Stellenwert genießen, den sie verdienen.
 
docFood: Wie wichtig es ist, Bluthochdruck früh zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln, darauf will auch in diesem Jahr der heutige Welt-Hypertonietag aufmerksam machen. Gibt es – was die Behandlung des Hochdrucks betrifft – entscheidende Neuigkeiten?
Adarkwah: Die gibt es tatsächlich: Die Ergebnisse der SPRINT-Studie könnten die Behandlung des Bluthochdrucks komplett verändern. Die Studie hat gezeigt, dass eine Senkung des Blutdrucks bei Hypertonikern auf unter 120 mmHg das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall – verglichen mit einem Zielwert von 140 mmHg – deutlich vermindert und zudem die Gesamtsterblichkeit senkt. Die Ergebnisse sind so eindeutig, dass die Senkung der Zielwerte auch in Deutschland schon im Fokus der Fachgesellschaften ist. Die entscheidende Frage wird allerdings sein, wie man dieses Blutdruckziel erreicht. Sowohl bei der derzeitigen Behandlung als auch in der Diskussion der Konsequenzen für die Zukunft, sind nicht-medikamentöse Maßnahmen unterrepräsentiert. Das sollte sich ändern. Wenn wir die niedrigeren Werte erreichen wollen – was meines Erachtens sinnvoll ist – müssen wir uns noch einmal genau über den Weg dorthin Gedanken machen.
docFood:  Der Einfluss von nicht-medikamentösen Maßnahmen wie Ernährung und Bewegung auf einen zu hohen Blutdruck gilt als hilfreich, aber begrenzt. Wenn jetzt der Blutdruck noch stärker gesenkt werden soll, ist dann nicht ein noch massiverer Einsatz von Medikamenten und eine noch geringere Wertschätzung von Ernährungs- und Lifestylemodifikationen zu erwarten?
Adarkwah: Ich sehe das anders: Ernährungs-und Lifestylefaktoren kommt eine sehr große Bedeutung zu. Bei den Teilnehmern der  SPRINT-Studie wurde der Fokus zwar auf Menschen mit Bluthochdruck, aber ohne Diabetes gelegt, obwohl das Vorliegen beider Erkrankungen in der Praxis häufig vorkommt. Trotzdem hatten die Studienteilnehmer fast alle noch weitere Begleiterkrankungen. Das macht deutlich: Unsere Patienten sind komplexe Individuen, bei denen der Bluthochdruck meist nur einen Teil des gesamten  Risikoprofils darstellt. Der Gesundheitszustand eines Hypertonikers hat in der Regel mehrere Facetten und meist ist Übergewicht eine davon. Deswegen darf sich der Blick auf den Nutzen einer Ernährungs- oder Bewegungtherapie nicht alleine am quantitativen Aspekt der Drucksenkung von einigen Millimetern Quecksilbersäule orientieren, sondern muss den Benefit für den Gesamtorganismus sehen. Eine gesündere und ausgewogenere Ernährung und Gewichtsreduktion bei adipösen Hypertonikern hat eine vielschichtigere Wirkung, als es sich in einem Blutdruckwert oder einer Senkung in mmHg fassen lässt.
docFood:  Man darf die Hypertonie also nicht isoliert sehen, sondern muss sie als ein Symptom der gesundheitlichen Gesamtverfassung eines Individuums sehen?
Adarkwah: So ist es. Wir behandeln ja auch grundsätzlich keine Einzelparameter. Es geht ja in der modernen Herz-Kreislauf-Prävention immer um ein Gesamtrisiko. Überspitzt gesagt: Was interessiert mich der höhere Blutdruck per se? Er ist zunächst einmal in erster Linie ein Risiko für ein eventuelles kardiovaskuläres Ereignis, und das ist, was mich eigentlich interessiert. Da sind dann andere Faktoren neben dem erhöhten Blutdruck genauso wichtig. Wir brauchen den ganzheitlichen Blick! Das wird m.E. von einschlägigen Fachgesellschaften häufig  zu eindimensional gesehen. Und bei diesem Blick aufs Ganze spielt die Ernährungsmedizin eine nicht zu verachtende Rolle – gerade hinsichtlich ihrer langfristigen Wirkung.

 Das Interview führte Dr. Friedhelm Mühleib

 
 
Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews mit Dr. Dr. Adarkwah, in dem es um Möglichkeiten der Realisierung einer Ernährungstherapie und die Rolle von Ernährungsfachkräften geht, in den nächsten Tagen hier bei docFood.

Ernährungstherapie und Medizin: Der Weg ist noch weit

Der Marburger Internist, Ernährungsmediziner und Gesundheitsökonom Dr. Charles C. Adarkwah macht sich im Interview mit Dr. Friedhelm Mühleib für mehr Kooperation zwischen Ärzten und Ernährungsfachkräften stark. In Grußworten zu Kongressen, in denen es um die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Ernährungsfachkräften geht, ist oft zu lesen: Mediziner und Ernährungstherapeuten sollten eine partnerschaftliche Behandlung von Patienten mit ernährungsbedingten Erkrankungen intensivieren und aufeinander abstimmen. Es gelte, gegenseitiges Verständnis auf- und auszubauen und das synergistische Potenzial einer organspezifischen Behandlung, kombiniert mit gezielter Ernährungstherapie, auf der Basis wissenschaftlicher Evidenz besser zu nutzen.
Der Praxisalltag von Medizinern und Ernährungsfachkräften ist von derart konstruktiver Zusammenarbeit fast überall noch weit entfernt. Allerdings findet inzwischen vor allem unter jüngeren Medizinern ein Umdenken statt. Dr. Charles C. Adarkwah macht sich für mehr Zusammenarbeit stark:
docFood: Die Zusammenarbeit zwischen Ernährungsfachkräften und Medizinern wird immer wieder öffentlich gefordert. Bei der Umsetzung in die Praxis allerdings hakt es – woran liegt das?
Dr. Adarkwah: Eine wesentliche Ursache liegt sicher darin, dass die Ernährungsmedizin in der Ausbildung von Medizinern kaum eine Rolle spielt. Im klassischen Medizinstudium kommt die Ernährung praktisch nicht vor. Wenn überhaupt, dann kommen ernährungsmedizinische Aspekte erst in der Weiterbildung zum Facharzt zum Tragen – und das dann auch dort in der Regel nur sehr rudimentär. Dementsprechend ist das Bewusstsein in der Ärzteschaft, dass ernährungsmedizinische Aspekte bei verschiedenen Erkrankungen eine doch zum Teil recht große Rolle spielen, leider nur sehr schwach ausgeprägt.
dF: Wie lässt sich mehr Zusammenarbeit fördern?
Dr. Adarkwah: Indem man z.B. die vielen Missverständnisse aufklärt, die auf beiden Seiten bestehen – bei Ernährungsfachkräften auf der einen und Medizinern auf der anderen. Ganz grundsätzlich fehlt da oft schon das Wissen, die Einsicht und das Verständnis dafür, was die anderen genau machen. Schon das würde helfen, viele Vorurteile abzubauen. Wichtig wäre die Erkenntnis: Wir nehmen uns ja gegenseitig nichts weg. Medizinern z. B. fehlt häufig Zeit, Motivation und Hintergrundwissen, um sich mit den Patienten bei entsprechenden Krankheiten intensiv über deren Ernährung auseinanderzusetzen und zu versuchen, im Rahmen von Lifestyle-Modifikationen eine Besserung der Therapieergebnisse zu erreichen. Da bringen Ernährungsfachkräfte einfach ein viel größeres Detailwissen mit. Die können Patienten ganz anders instruieren. Das sind für mich komplementäre Elemente, die gut zusammenspielen könnten.
dF: Warum funktioniert das in der Praxis derzeit noch viel zu wenig?
Dr. Adarkwah: Ich habe manchmal den Eindruck, dass es eine gewisse Form von Konkurrenzdenken gibt – durchaus auf beiden Seiten. Viele Kollegen haben vielleicht die Befürchtung dass sie etwas an Kompetenz und Autorität abgeben, wenn sie Patienten in die Hände von jemandem geben, der sich in gewissen Teilbereichen besser auskennt. Das ist aber im Prinzip ein tagtägliches Phänomen: Wenn man sich zum Beispiel das Patientenkollektiv einer hausärztlichen Praxis anschaut, dann kann man als Allgemeinmediziner nicht jede Erkrankung bis ins kleinste Detail behandeln, so dass man immer wieder Patienten mit speziellen Indikationen zu anderen Fachkollegen schickt. Und ähnlich müsste das auch gemacht werden, wenn es um ernährungsmedizinische Aspekte geht, dass man sich auch dafür die Expertise holt. Dafür müsste das Thema allerdings von Seiten der Ärzte etwas ernster genommen werden. Daran hapert es noch.
dF: Was hindert die Ärzte daran, die Kompetenz von Ernährungsfachkräften mehr zu nutzen?
Dr. Adarkwah: Ich glaube, dass es dabei um die Erhaltung und Autonomie von Therapiekontrolle geht. Die gibt man ja dann ein Stück weit in die Hände eines Mit-Behandlers, dessen Einfluss man als Arzt dann nicht mehr kontrollieren kann. Andererseit kommt multimodalen Therapiekonzepten in vielen Bereichen der Medizin immer größere Bedeutung zu. Viele Erkrankungen und medizinischen Probleme brauchen den multiprofessionellen Ansatz in der Therapie – mit Beteiligung aller betroffenen Disziplinen . Aber das ist etwas, was erst langsam entsteht. Auch in anderen Bereichen wie z. B. der Palliativmedizin hat es Jahre gedauert bis man solche Strukturen geschaffen hat. Ich glaube bis dahin ist es auch in der Kooperation zwischen Medizin unbd Ernährungstherapie ein harter und langer Weg.

Das Gespräch führte Dr. Friedhelm Mühleib

 
Dr. Charles C. Adarkwah studierte Humanmedizin an den Universitäten Gießen, Köln und Bonn mit Studienaufenthalten an der Harvard Medical School, Boston, der Yale University, New Haven, sowie der Cornell University, New York. Er studierte Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik an der Maastricht University, NL und schloss mit dem Master of Science (M.Sc.) ab. Seine Master-Thesis wurde mit dem Preis für die beste Master-Arbeit im Bereich der Gesundheitswissenschaften im Abschlussjahr ausgezeichnet. Seine klinische Ausbildung erhielt Dr. Adarkwah am Universitätsklinikum Aachen im Bereich der Inneren Medizin mit Schwerpunkt Gastroenterologie und Endokrinologie. Hier erfolgte eine umfassende Weiterbildung im Bereich der Ernährungsmedizin (unter Frau Prof. Metzner), welche Dr. Adarkwah im Jahr 2011 mit dem Erwerb der Zusatzbezeichnung „Ernährungsmedizin“ abschloss. Seit 2012 ist er in einer großen allgemeinmedizinisch-internistischen Praxis im Kreis Siegen tätig. Die Ernährungsmedizin macht einen Schwerpunkt seiner täglichen Arbeit aus. Darüber hinaus ist Dr. Adarkwah wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeinmedizin der Universität Marburg und am Lehrstuhl für Public Health Technology Assessment der Maastricht University.

Mangelernährung kostet Lebenszeit

Schlechter Ernährungszustand und Ernährung sind wichtigste Risikofaktoren für gesundheitliche Probleme und gehören dadurch zu den 20 wichtigsten Faktoren für verlorene Lebenszeit. Zu diesem Ergebnis kommt die Global Burden of Disease (GBD)auf der Basis umfassender und standardisierter Daten zur Bewertung der Gesundheit von Bevölkerungen.
Wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) berichtet, wurden diese Daten Ende der 1980-er Jahre erstmalig erhoben – jetzt liegt eine neue Auswertung für die Jahre 1990 bis 2010 vor. „Dabei zeigte die Erhebung, dass Mangelernährung zu den 20 wichtigsten Faktoren für verlorene Lebenszeit (DALY – Disability-Adjusted Life Years) gehört (Platz 16). Zu diesen Faktoren zählen unter anderem auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Platz 1) oder Krebs (Platz 2) sowie HIV/Aids und Tuberkulose (Platz 27). Für Deutschland stellen ferner die „ernährungsbedingten Risiken“ den wichtigsten singulären Risikofaktor dar, gefolgt von Bluthochdruck und hohem Body-Mass-Index (BMI).“ So die DGEM
 
Falsche Ernährung eines der Hauptrisiken für vorzeitiges Sterben

Die ernährungsbedingten Risiken sind laut Studie der bedeutendste Risikofaktorkomplex, auf den mehr als 13 Prozent der Gesamt-DALYs und 26 Prozent aller Todesfälle zurückgeführt werden können. Bluthochdruck und hoher Body-Mass-Index (BMI) folgen mit jeweils knapp 11 Prozent der DALYs. Dabei werden bei den Risiken den Männern mehr als 16 Prozent der DALYs zugeschrieben, im Vergleich zu 11,2 Prozent bei den Frauen. Insgesamt sind falsche Ernährung und damit verbundene Risiken mit ein Hauptrisiko für den Verlust an gesunden Lebensjahren und auch für vorzeitiges Sterben.

„Die Studie hat nochmals gezeigt, dass Mangelernährung ein wichtiger Faktor in dem Gesundheitssystem darstellt, aber auch wie sich Gesundheitsrisiken für eine Bevölkerung verändern können“, sagt Prof. Johann Ockenga, 2. Vizepräsident DGEM. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Ernährungsmedizin in Prävention und Therapie. Wenn auch das Bewusstsein für Ernährung als ein wichtiger die Gesundheit bestimmender Faktor zunehme, so bleibe hier weiterhin ein großer Aufklärungsbedarf bestehen.

Quelle: www.dgem.de

Übergewicht lässt die Leber alt aussehen

Wer stark übergewichtig ist, kämpft häufig mit den verschiedensten Verdauungsbeschwerden. Sehr häufig tritt nach üppigen Mahlzeiten ein diffuser Druck im rechten Oberbauch auf. Diese Symptome deuten oft auf eine Störung im Bereich von Leber und Galle hin. Wer häufig darunter leidet, sollte dies als Warnsignal der Leber verstehen. Denn bei Übergewichtigen altert die Leber schneller – so das Ergebnis einer neuen Studie. Das könnte erklären, warum sie häufiger von Leberkrebs betroffen sind.
Übergewicht und Alter gelten als wichtigste Risikofaktoren für viele Zivilisationserkrankungen. Das veranlasste die Forscher aus Dresden, das biologische Alter verschiedener Gewebe innerhalb des menschlichen Organismus zu vergleichen, um den Zusammenhang zwischen Übergewicht und gesundheitlichen Risiken bestimmter Organe besser zu verstehen.
 
Leber: stärker gefährdet als andere Organe
Ergebnis: Nur bei Leberzellen fand sich eine Assoziation von Übergewicht und einem schnelleren Altern des Organs. Dieser Befund könnte helfen, das erhöhte Risiko von Fettleibigen zu erklären, an Leberkrebs zu erkranken. Die Wissenschaftler machen den Effekt in einem anschaulichen Beispiel klar: Die Leber einer 100 Kilo schweren Frau mit einer Größe von 1,65 Metern wäre demnach etwa drei Jahre älter als bei einem Körpergewicht von 70 Kilo. Grundsätzlich könnte das schnellere Altern der Leber erklären, warum bestimmte Lebererkrankungen bei Übergewichtigen deutlich häufiger vorkommen als bei Schlanken bzw. Normalgewichtigen.
 
Mit der epigenetischen Uhr das biologische Alter messen
Für ihre Untersuchungen nahmen die Wissenschaftler die „epigenetische Uhr“ zu Hilfe, die der Biostatistiker Steve Horvath von der Unversity of California kürzlich entwickelt hat: Sie beruht auf der Veränderungen an der Erbsubstanz, die auf biologische Alterungsvorgänge in der Zelle schließen lassen. So war es möglich, erstmals verschiedene Gewebe wie Blut, Muskel, Fettgewebe und auch Leber auf ihr Alter sowohl bei Normalgewichtigen als auch überwichtigen und fettleibigen Patienten zu prüfen.
 
Tipp von docFood
Eine Leber, die auf Grund von Übergewicht vorzeitig gealtert ist, „merkt“ sich ihr Alter, so die Dresdner Forscher, auch wenn die Betroffenen wieder abnehmen. Dies bedeutet allerdings auch: Je früher Übergewichtige damit beginnen, ihr Gewicht wieder in den Normalbereich zurückzuführen, desto eher stoppen sie  den Alterungsprozess in der Leber. Da ist Abnehmen die Devise, besser heute als morgen – aber bitte vernünftig und mit System.

Dr. Friedhelm Mühleib

 
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