Millionen Herztote durch falsche Ernährung

Global sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen Todesursache Nummer Eins – und das hat oft selbstverschuldete Gründe. Der wichtigste Grund ist eine falsche Ernährung, so das Ergebnis der Studie eines internationales Forscherteam, die jüngst im „Journal of the American College of Cardiology“, über die die Ärzte Zeitung berichtet.
 
Der Studie zufolge ist ungesunde Ernährung an etwa der Hälfte aller Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen Schuld. Als weitere wichtige Faktoren spielen körperliche Inaktivität, Diabetes, Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck eine Rolle.
 

Die beste Therapie: frühzeitig richtig ernähren

Dr. Toni Meier von der Martin-Luther-Universität in Halle Wittenberg können Herzkrankheiten oft verhindert werden, wenn Menschen ihre Ernährung verbessern und Risiko-Erkrankungen konsequent medikamentös behandeln lassen. Man mag sie gar nicht mehr lesen, diese Meldungen, die gefühlt alle paar Tage ähnlich durch die Medien gehen. Ernährung ist an diesem und jenem, eigentlich an fast allem, was zum Tode führt, schuld. Wobei der dezente Hinweis erlaubt sei: Auch an Diabetes, Übergewicht und vielen Fällen von Blutdruck (..also den weiteren wichtigen Faktoren, die nach der neuen Studie zum Herztod führen) ist die falsche Ernährung schuld! Irgendwie muss inzwischen doch jedem klar sein, der lesen oder hören oder schauen kann, welche verheerenden Folgen es haben kann, wenn man sich dauerhaft falsch ernährt – und viele tun das über Jahrzehnte. Und trotzdem: Es wird nichts besser. Im Gegenteil. Denn gleichzeitig ist wöchentlich zu lesen, dass die Menschheit immer dicker und dicker und dicker wird.

 

So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Wer die Folgen für sich persönlich vermeiden will, der kann jederzeit bei sich selbst beginnen und seine ‚Essbiografie‘ ändern – indem er z. B. mehr darauf achtet, was er Tag für Tag in sich reinstopft und zu sich nimmt. Die Fähigkeit, sich gut, maßvoll und richtig ernähren ist leider nicht angeboren und deshalb alles andere als selbstverständlich. Fangt einfach mit ein bisschen Achtsamkeit an. Erst denken und spüren – dann essen, und zwar nur das, was Du brauchst. So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ein kleiner Schritt in Deinem Heute, ein großer für Deine Gesundheit von morgen. Hört sich leicht an, ist erstmal sehr schwer. Trotzdem: Ein Versuch lohnt sich. Wer will schon in der Statistik derer landen, die eine falsche Ernährung in den  Herztoten getrieben hat.
 

Noch immer steigt die Zahl der Toten

Übrigens: Nach den Zahlen der Wissenschaftler stieg die Zahl der Herztoten in den letzten 25 Jahren von 12,6 Millionen im Jahr 1990 auf 18 Millionen Menschen im Jahr 2015.  Die höchsten Sterberaten fanden die Forscher für vorletztes Jahr in Osteuropa, Zentralasien, dem Nahen Osten, Südamerika, Subsahara-Afrika und Ozeanien, während die Zahl der Todesopfer durch Herzkreislauferkrankungen in Deutschland, anderen EU-Ländern, Nordamerika, Japan und Südkorea seit Jahren stagniert. Nach einem Rückgang von 1990 bis 2010 von 345 auf 219 Todesfälle pro 100.000 Einwohner lag sie 2015 noch bei 203 Fällen je 100.000 Einwohner. In Deutschland starben 2015 knapp 357.000 Menschen an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung – und damit immer noch viel zu viele.

Friedhelm Mühleib

Mediterrane Kost – gut für Herz und Kreislauf

Gibt es noch einen unter den Lesern von docFood, der nicht weiß, dass Mediterrane Ernährung gut ist für Herz und Kreislauf? Manche Dinge kann man nicht oft genug sagen. Deshalb sagen wir es hier nocheinmal. MEDITERRANE DIÄT SCHÜTZT HERZ UND KREISLAUF. Anlass für so viel Beharrlichkeit ist eine neue Studie, die das Thema aus dem Blickwinkel von Menschen betrachtet, bei denen Herz und Kreislauf bereits geschädigt sind.
 
Die Studie kommt zu dem Ergebnis: Menschen mit koronarer Herzkrankheit (KHK), die sich nicht nach den Grundsätzen der Mittelmeerdiät ernähren, haben ein höheres Risiko für besonders schwere und komplexe Erkrankungen ihrer Herzkranzgefäße.
 

Je schlechter die Ernährung, desto schlimmer die Krankheit

„Unsere Studienergebnisse verstärken die Evidenz für eine Herz-Kreislauf-schützende Wirkung der Mittelmeer-Diät“, sagt der Autor der Studie Dr. Christoph Waldeyer vom Universitären Herzzentrum Hamburg. Schwerpunkte dieser Ernährungsform liegen zum Beispiel auf Gemüse, Salat, Obst, Fisch, wenig rotem Fleisch, der Verwendung von Olivenöl und täglich nicht mehr als einem Glas Rotwein. Die Forscher hatten 1.005 Patienten mit koronarer Herzkrankheit untersucht und den Schweregrad und die Komplexität der Erkrankung gemessen. Zu Studienbeginn wurden mit einem Fragebogen zum Lebensstil der Patienten deren Essgewohnheiten erhoben und mit einem Mittelmeer-Diät-Score bewertet, wie sehr sie sich nach den Grundsätzen der mediterranen Ernährung ernähren. Die Punkteskala reicht von null (keine Orientierung an der Mittelmeer-Diät) bis 28 Punkte (maximale Orientierung an der Mittelmeer-Diät). Frühere Studienergebnisse hatten eine vorbeugende Wirkung für Herz-Kreislauf-Ereignisse ab einem Wert von 14 gezeigt. Genau das hat die Hamburger Studie bestätigt: Eine geringe Orientierung an der Mittelmeer-Diät mit einem Wert unter 14 stand in einem eindeutigen Zusammenhang mit einem mittleren bzw. hohen Risiko für die Entwicklung einer ausgeprägten KoronarenHerzerkrankung. Diese Daten, so die Studienautoren, bestätigen die vorbeugende Wirksamkeit der Mittelmeer-Diät bei kardiovaskulären Krankheiten.
 

docFood meint:

„Mediterrane Küche – Gesunde Kost für ein gesundes Herz“ so lautet der Titel eines Artikels, den die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Ute Brehme vor fast 20 Jahren geschrieben hat, und der noch kein bisschen veraltet ist – nachzulesen auf der Website des Verbandes für unabhängige Gesundheitsberatung e.V. (UGB). Wer interessiert ist, findet die Grundzüge der Mediterranen Kost dort ausführlich erläutert. Natürlich ist es erfreulich, wenn wieder einmal eine Studie den positiven Einfluss dieser Ernährungsform auf unsere Gesundheit bestätigt. Das viele Geld für solche Studien wäre allerdings besser in Information und Aufklärung der Verbraucher zu dieser Ernährungsweise angelegt. Es geht nicht mehr um die positiven Wirkung der mediterranen wieder und wieder zu bestätigen. Es geht darum, die Menschen zu dieser Form der Ernährung zu motivieren und sie bei der Umsetzung zu unterstützen. Übrigens: Wie mediterrane Ernährung im Alltag funktioniert, kann jede qualifizierte Ernährungsfachkraft vermitteln. Auf den großen Kochportalen wie Chefkoch oder eatsmarter gibt es zahllose leckere Rezepte dazu. Am besten gleich morgen starten!

 Dr. Friedhelm Mühleib

 

Statine – kein Ausgleich für Ernährungsfehler!

Gehören Statine tatsächlich zu den Heilsbringern unter den Medikamenten und sind so risikoarm wie Kamelle? Zu diesem Eindruck könnte man nach der Lektüre eines Reviews   in der renommierten Fachzeitschrift Lancet kommen. Der britische Epidemiologe  Prof. Rory Collins und seine Mitautoren sind dort angetreten, die ihrer Meinung nach häufig verzerrte Darstellung der Therapie mit Statinen ein für alle Mal zu korrigieren. Der Nutzen der Statine werde demnach leider allzu häufig unterschätzt – die Risiken dagegen würden weit überschätzt.
 
Das steht im krassen Gegensatz zur Diskussion, die derzeit hierzulande geführt wird. „Deutsche nehmen zu viele Mittel gegen Cholesterin“ titelte sogar die BILD vor wenigen Tagen und bezog sich auf die Aussagen des Pharmakritikers Prof. Gerd Glaeske.
 

Statinverbrauch steigt ständig

„Blutfettsenker sind wichtig, taugen aber nicht dazu, Ernährungsfehler auszugleichen“, so wird Glaeske in der Deutschen Apotheker Zeitung / DAZ.online zitiert. Glaeske äußerte sich vor dem Hintergrund des gerade veröffentlichten Innovationsreport 2015 der Techniker Krankenkasse (TK), der einen Anstieg der Kosten für Lipidsenker im Jahr 2015 um 10,4 Prozent auf 54,7 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr konstatiert. Glaeske zieht daraus als einer der Autoren der Studie den Schluss, dass Statine „nicht nur im Rahmen der Sekundärprophylaxe nach einem Herzinfarkt, sondern auch bei anderen Personengruppen eingesetzt werden, die eine medikamentöse Intervention einer Ernährungsumstellung, intensiver Bewegung oder Gewichtsreduktion vorziehen“. Frei übersetzt dürfte das bedeuten: Immer mehr Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten und null Bock auf Ernährungsumstellung, Bewegung und Abnehmen ziehen Statine einer Bekämpfung der Ursachen vor, weil Pillen schlucken bequemer ist. Bleibt zu ergänzen, dass Glaeske die Statine keineswegs kategorisch verdammt. So kritisiert Glaeske, dass Schlaganfallpatienten viel zu selten ein Statin verordnet werde, obwohl die entsprechende Leitlinie den Einsatz von Statinen bei dieser Gruppe mit dem höchsten Evidenzgrad empfehle.
 

docFood meint

Rauchen, Übergewicht, Hypertonie, Diabetes mellitus und eine Hyperlipidämie gehören zu den gesicherten Risikofaktoren einer koronaren Herzkrankheit (KHK). Ernährungsfachkräfte sollten im Rahmen der Primärprävention zunächst versuchen, Patienten mit KHK zu motivieren, den Cholesterinspiegel mit Hilfe von Bewegung und diätetischen Maßnahmen – (mediterrane Kost, kohlenhydrat- und fettreduzierte Ernährung) zu senken und gleichzeitig Übergewicht abzubauen. Dabei gilt es, gemeinsam mit dem behandelnden Arzt das kardiovaskulären Risiko des Patienten im Auge zu behalten: Falls diätetische Maßnahmen nicht ausreichen, Gewicht und Cholesterin ausreichend zu senken oder der Patient diesen Weg nicht akzeptiert, wird es bei steigenden Werten riskant, auf Statine zu verzichten. Statine ja – aber mit Sinn und Verstand: So viel wie nötig und so wenig wie möglich.

 Dr. Friedhelm Mühleib

Mehr Kalium kann Bluthochdruck senken

Welt Hypertonietag war gestern – der Bluthochdruck bleibt. Mehr Kalium im Essen und gleichzeitig weniger Kochsalz kann vor Bluthochdruck schützen oder zu hohen  Blutdruck senken, sagt die Diplom-Oecotrophologin, Fitnesstrainerin und Low-Carb-Expertin Heike Lemberger (links im Beitragsbild) aus Hamburg: „Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass Menschen mit einer kaliumreichen Ernährung seltener an Herzkrankheiten oder einem Schlaganfall sterben.“
Grund genug für Menschen mit grenzwertigem oder zu hohem Blutdruck, so Lemberger, mehr Lebensmittel mit hohem Kaliumgehalt zu essen.
 

Mehr Kalium nutzt fast immer

Besonders spannend an den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft: Die „PURE“ Studie z.B. hat gezeigt: zu viel Kochsalz (Natrium) schadet, zu wenig aber auch – und mehr Kalium nutzt fast immer. Eine hohe Natriumzufuhr, so stellte die Studie fest,  steigert den Blutdruck am deutlichsten, wenn die Kost gleichzeitig arm an Kalium ist. Neben dem Einsparen von Kochsalz  könnte deshalb  kaliumreiches Essen eine Schutzfunktion haben, vermuten die Forscher. Gleichzeitig zeigen verschiedene andere Studien: Menschen, die mit ihrer Ernährung nur wenig Kalium aufnehmen, haben häufig auch einen hohen Blutdruck.
 

WHO: Bei Bluthochdruck kaliumreich essen!

 Eine Ernährung, die reich an Kalium ist, trägt nicht nur zur Senkung des Blutdrucks bei, sondern scheint zudem das Risiko für Schlaganfall zu senken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO kommt nach der Auswertung von weltweit insgesamt 33 Studien zum Schluss, dass sich Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, bei Menschen mit hohem Blutdruck durch eine hohe Kaliumzufuhr um 24 Prozent senken lässt. Auf Grund dessen hat die WHO ganz aktuell neue Zufuhrempfehlungen für Kalium gegeben: Während der Schätzwert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die minimale tägliche Zufuhr von Kalium bei 2000 Milligramm liegt, empfiehlt die WHO Menschen mit gesunden Nieren seit Neuestem, täglich 3500 Milligramm Kalium zu sich nehmen ( …bei chronischer Nierenschwäche ist zu viel Kalium schädlich).
 

Statt Salz sparen mehr Kalium

„Kochsalzarm essen!“ gehört zu den Klassikern unter den Empfehlungen für eine blutdrucksenkende Ernährung. Täglich höchstens 6 Gramm Kochsalz, so lautet die Empfehlung für Erwachsene der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, höchstens 3 Gramm Salz täglich zu essen. Tatsächlich fällt es vielen Menschen schwer, die Aufnahme auf 3 Gramm und weniger zu reduzieren, weil vieles dann als geschmacklos und fad wahrgenommen wird. Wer viel Kalium zu sich nimmt, muss nicht ganz so streng Salz sparen. Das legt zumindest das Ergebnis einer Studie aus den USA nahe:  Teilnehmer mit hohem Kochsalzverzehr starben im Zeitraum von 15 Jahren tatsächlich häufiger an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – allerdings nur dann, wenn die Kaliumzufuhr niedrig war. Bei höherer Kaliumaufnahme waren entsprechen weniger Todesfälle zu verzeichnen.
 

Tipp von docFood

Mit einer Handvoll Rosinen täglich, so die Ernährungsexpertin Lemberger,  lässt sich die Kaliumversorgung deutlich verbessern. Eine Handvoll der süßen Trockenfrüchte entspricht einer Portion von etwa 25 g und enthält dabei nur 75 Kalorien. Das macht bei einer Person mit einem täglichen Energiebedarf von 2000 Kalorien gerade mal 3,8 Energieprozent aus. Gleichzeitig stecken 200 Milligramm Kalium darin. So liefert die Handvoll Rosinen 10% der empfohlenen Tagesmenge an Kalium.

 Dr. Friedhelm Mühleib

Foto: Heike Lemberger ‚in Action‘.

Hypertonie: „Wir brauchen den ganzheitlichen Blick“

Heute ist Welt-Hypertonietag: Etwa 20 bis 30 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Bluthochdruck (Hypertonie). Das ist fast jeder Dritte. Zwar erkranken vor allem ältere Menschen, aber zunehmend sind auch Jüngere betroffen. Ein unbehandelter Bluthochdruck ist Risikofaktor Nr. 1 für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und damit für viele Todesfälle durch Herzinfarkte und Schlaganfälle verantwortlich. Im Interview mit docFood fordert  Dr. Dr. Charles C. Adarkwah: „In der Therapie der Hypertonie brauchen wir den ganzheitlichen Blick.“
 
Dabei kritisiert der Ernährungsmediziner, Hypertensiologe und Gesundheitsökonom, dass Lifestylefaktoren wie Ernährung und Bewegung in der Therapie nach wie vor noch nicht den Stellenwert genießen, den sie verdienen.
 
docFood: Wie wichtig es ist, Bluthochdruck früh zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln, darauf will auch in diesem Jahr der heutige Welt-Hypertonietag aufmerksam machen. Gibt es – was die Behandlung des Hochdrucks betrifft – entscheidende Neuigkeiten?
Adarkwah: Die gibt es tatsächlich: Die Ergebnisse der SPRINT-Studie könnten die Behandlung des Bluthochdrucks komplett verändern. Die Studie hat gezeigt, dass eine Senkung des Blutdrucks bei Hypertonikern auf unter 120 mmHg das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall – verglichen mit einem Zielwert von 140 mmHg – deutlich vermindert und zudem die Gesamtsterblichkeit senkt. Die Ergebnisse sind so eindeutig, dass die Senkung der Zielwerte auch in Deutschland schon im Fokus der Fachgesellschaften ist. Die entscheidende Frage wird allerdings sein, wie man dieses Blutdruckziel erreicht. Sowohl bei der derzeitigen Behandlung als auch in der Diskussion der Konsequenzen für die Zukunft, sind nicht-medikamentöse Maßnahmen unterrepräsentiert. Das sollte sich ändern. Wenn wir die niedrigeren Werte erreichen wollen – was meines Erachtens sinnvoll ist – müssen wir uns noch einmal genau über den Weg dorthin Gedanken machen.
docFood:  Der Einfluss von nicht-medikamentösen Maßnahmen wie Ernährung und Bewegung auf einen zu hohen Blutdruck gilt als hilfreich, aber begrenzt. Wenn jetzt der Blutdruck noch stärker gesenkt werden soll, ist dann nicht ein noch massiverer Einsatz von Medikamenten und eine noch geringere Wertschätzung von Ernährungs- und Lifestylemodifikationen zu erwarten?
Adarkwah: Ich sehe das anders: Ernährungs-und Lifestylefaktoren kommt eine sehr große Bedeutung zu. Bei den Teilnehmern der  SPRINT-Studie wurde der Fokus zwar auf Menschen mit Bluthochdruck, aber ohne Diabetes gelegt, obwohl das Vorliegen beider Erkrankungen in der Praxis häufig vorkommt. Trotzdem hatten die Studienteilnehmer fast alle noch weitere Begleiterkrankungen. Das macht deutlich: Unsere Patienten sind komplexe Individuen, bei denen der Bluthochdruck meist nur einen Teil des gesamten  Risikoprofils darstellt. Der Gesundheitszustand eines Hypertonikers hat in der Regel mehrere Facetten und meist ist Übergewicht eine davon. Deswegen darf sich der Blick auf den Nutzen einer Ernährungs- oder Bewegungtherapie nicht alleine am quantitativen Aspekt der Drucksenkung von einigen Millimetern Quecksilbersäule orientieren, sondern muss den Benefit für den Gesamtorganismus sehen. Eine gesündere und ausgewogenere Ernährung und Gewichtsreduktion bei adipösen Hypertonikern hat eine vielschichtigere Wirkung, als es sich in einem Blutdruckwert oder einer Senkung in mmHg fassen lässt.
docFood:  Man darf die Hypertonie also nicht isoliert sehen, sondern muss sie als ein Symptom der gesundheitlichen Gesamtverfassung eines Individuums sehen?
Adarkwah: So ist es. Wir behandeln ja auch grundsätzlich keine Einzelparameter. Es geht ja in der modernen Herz-Kreislauf-Prävention immer um ein Gesamtrisiko. Überspitzt gesagt: Was interessiert mich der höhere Blutdruck per se? Er ist zunächst einmal in erster Linie ein Risiko für ein eventuelles kardiovaskuläres Ereignis, und das ist, was mich eigentlich interessiert. Da sind dann andere Faktoren neben dem erhöhten Blutdruck genauso wichtig. Wir brauchen den ganzheitlichen Blick! Das wird m.E. von einschlägigen Fachgesellschaften häufig  zu eindimensional gesehen. Und bei diesem Blick aufs Ganze spielt die Ernährungsmedizin eine nicht zu verachtende Rolle – gerade hinsichtlich ihrer langfristigen Wirkung.

 Das Interview führte Dr. Friedhelm Mühleib

 
 
Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews mit Dr. Dr. Adarkwah, in dem es um Möglichkeiten der Realisierung einer Ernährungstherapie und die Rolle von Ernährungsfachkräften geht, in den nächsten Tagen hier bei docFood.

Tag des Cholesterins: Frauenherzen in Gefahr

Herzerkrankungen, darunter Herzinfarkte, treten in Deutschland mittlerweile bei Frauen fast so häufig wie bei Männern auf. Frauen sollten deswegen stärker auf die Gesundheit ihres Herz-Kreislauf-Systems achten, so die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF (Lipid-Liga) e. V. zum „Tag des Cholesterins“ am 19. Juni. Bei Frauen in den Wechseljahren und später steigt das Risiko. Zu viel Cholesterin im Blut ist einer der wichtigsten Risikofaktoren. Frauen sollten deshalb insbesondere nach dem Eintritt der Wechseljahre – regelmäßig die Blutfett- und -cholesterinwerte messen zu lassen.
Die Annahme, Herzinfarkt sei eine Männersache, trifft zwar nicht mehr zu – weil das viele Frauen noch immer nicht wissen, nehmen sie die Bedrohung häufig nicht wahr und vernachlässigen vorbeugende Maßnahmen. Auch bei der ärztlichen Behandlung erhalten Frauen seltener eine konsequente Therapie. Grundsätzlich sind die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen und Männern gleich: Rauchen, Vererbung, Fettstoffwechselstörungen mit erhöhten Blutwerten von Cholesterin, Triglyzeriden und Lipoprotein(a) sowie Atherosklerose, Übergewicht, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Diabetes und Stress.
 

Diabetes und Stress: Erhöhte Gefahr für Frauen

Ein wichtiger Unterschied ist allerdings, dass Diabetes, Rauchen und Stress bei Frauen eine größere Rolle spielen als bei Männern. Darüber hinaus verschärfen sich viele Risiken bei den Frauen erst nach dem Eintritt in die Wechseljahre (Menopause). Das ist z. B. auch im Fettstoffwechsel der Fall: So haben Frauen im Durchschnitt niedrigere Blutwerte des „schlechten“ LDL-Cholesterins als Männer, was sich jedoch ab dem 55. Lebensjahr umkehrt. Erhöhte Blutfettwerte bringen bei Frauen ein mehr als doppelt so hohes Risiko für die koronare Herzkrankheit mit sich als bei Männern (76 % vs. 32 %).Frauen sind im Durchschnitt zehn Jahre älter als Männer, wenn sich Symptome zeigen und z. B. eine Atherosklerose festgestellt wird. Das verringert die Chancen, deren Entwicklung aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen. Erleiden Frauen einen Herzinfarkt, äußert sich das häufig durch andere Beschwerden. Statt des bei Männern bekannten dominierenden Schmerzes in der linken Brust, treten bei Frauen relativ häufiger Atemnot, Bauchschmerzen und Übelkeit auf, wodurch ein Herzinfarkt oft spät erkannt wird. Auch dies trägt dazu bei, dass mehr Frauen als Männer im Alter um 50 Jahre am akuten Herzinfarkt sterben.
 

docFood rät

Wehret den Anfängen: Frauen ab 50 sollten regelmäßig die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersuchen lassen. Dazu gehören ● die Kontrolle von Cholesterin, Triglyzeriden und Lipoprotein(a) im Rahmen des Blutbildes ● die Blutzuckermessung zur Diabeteskontrolle ● die Messung des Blutdrucks. Wennn die gemessenen Werte steigen, sind die Chancen groß, dass sich die Entwicklung zu Schlimmerem verhindern lässt. Für Raucherinnen (immerhin 20% der Frauen in Deutschland) gilt: Finger besser weg von den Zigaretten, da sich schon nach einem nikotinfreien Jahr das Risiko einer KHK halbiert.

Redaktion docFood

Energy-Drinks – fliegen bis zum Absturz

Abtanzen bis zum frühen Morgen – Du willst mal wieder an die Grenzen gehen, Dich so richtig spüren. Für kleine Tiefs zwischendurch gibt’s schließlich Drinks, die Flügel verleihen, und schon ist die Power wieder da. Oder? Besonders beliebt sind die Flügelmacher im Mix mit Alkohol. Wodka Energy, Cool Bull, Gangsta’s Paradise, Stromschlag sind verheißungsvolle Versprechungen für einen coolen Rest der Nacht. Nur blöde, wenn der Stromschlag mal in die Pumpe geht.
Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA will nun gemeinsam mit dem EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit „Schritte“ gegen die umstrittenen Wachmacher diskutieren. Das freut die Verbraucherschützer, denn die fordern schon lange ein Abgabeverbot an junge Leute. Warum sie das tun, erklärt docFood im Folgenden.
 
Fünf Liter pro Nacht – keine Seltenheit
Besucher von Diskotheken, Musik- und Sportveranstaltungen sowie LAN-Partys trinken teilweise erhebliche Mengen an sogenannten Energy-Drinks. Fans der Fitmacher konsumieren nach einer Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) beim Tanzen in Clubs im Schnitt 1 Liter Energy-Drink, meist gemischt mit alkoholischen Getränken. In Einzelfällen werden demnach bis zu 5 Liter innerhalb von 24 Stunden getrunken. Wer Energy-Drinks in größeren Mengen trinkt, sie mit Alkohol vermischt, wenig schläft oder sich körperlich anstrengt, muss mit im schlimmsten Fall mit dem Totalabsturz nach dem Höhenflug rechnen.Diese Risiken bestehen insbesondere bei koffeinempfindlichen Personen, wie z.B. Menschen mit bestimmten Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Die Interpretation dieser Befunde, zu denen u.a. Krampfanfälle, Tachykardien (Anstieg der Herzschlagfrequenz), Herzrhythmusstörungen, Rhabdomyolyse (Untergang von Skelettmuskelzellen), Agitiertheit, Hypertonie (Bluthochdruck), Atembeschwerden und psychotische Zustände gehören, ist schwierig, da vergesellschaftet mit den Energy-Drinks neben Alkohol teilweise auch Arzneimittel und Drogen eingenommen wurden.
 
Energy-Drinks & Drugs & Alcohol: Fatal Error!
Kommen Inhaltsstoffe von Energy-Drinks, Alkohol und schlimmstenfalls noch Wachmacherdrogen zusammen, kann es zum Systemabsturz kommen: Die Mischung von Ethanol, Koffein, Taurin, Glucuronolacton und vielleicht noch Amphetaminen (Speed) kann zu erheblichen Schäden im zentralen Nervensystem und Herzkreislaufsystem führen. Die negativen Wirkungen der einzelnen Stoffe verstärken sich zu einem giftigen Cocktail, der Energy-Cocktail wird zum gefährlichen Mix.* Gefährdet sind nicht nur nachtschwärmende Partygänger, Disco- und Festivalbesucher. Vor allem auf LAN-Partys mit langen Wachzeiten der Teilnehmer von bis zu zwei Tagen und zwei Nächten werden erhebliche Mengen an Energy-Drinks – häufig auch hier im Mix mit Alkohol – getrunken. Insbesondere die Kombi von Energy-Drinks scheint trotz der möglichen gesundheitlichen Risiken weit verbreitet. Kein Wunder, dass nach der BfR-Studie Verbraucherhinweise der Hersteller auf den Verpackungen meist unbeachtet bleiben – wer kann die nach drei Wodka-Energys schon noch lesen?
 
docFood meint:
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordert ein Abgabeverbot für koffeinhaltige Energy-Drinks an Jugendliche unter 18 Jahren. Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert seit längerem, den Verkauf von Energy-Drinks an Kinder und Jugendliche zu verbieten. Verbote erscheinen gern als einfache Lösung – sind es aber nie. Ob das also funktioniert – gerade bei den Jungen? Da provoziert jedes Verbot die unmittelbare Suche nach seiner Umgehung. Was immer das Ergebnis ist: Es wird nichts Gutes sein. Deshalb Vorsicht mit Verboten. Wie wärs mit mehr Aufklärung und Gespräch. Man könnte Naina ergänzen: Gedichtanalyse in vier Sprachen – kein Problem. Umgang mit Suchtmitteln im Alltag – keine Ahnung. Absturz vorprogrammiert?

Friedhelm Mühleib

 
* Wer sich genau über die möglichen gesundheitlichen Folgen und die Wirkung auf einzelne Organe und Systeme informieren möchte, kann das im Detail hier nachlesen.

 

Essen wir zu viel Salz?

Nach den Ergebnissen einer weltweiten Analyse könnte hoher Salzkonsum jährlich 1,65 Millionen Leben kosten, wie der Spiegel meldet. Laut einer Studie, die mit Hilfe der Bill und Melinda Gates Stiftung erstellt wurde, nehmen 99 % aller Menschen auf der Welt zu viel Kochsalz auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Zufuhr von 5 Gramm Kochsalz pro Tag – der weltweite Durchschnitt lag 2010 bei knapp 10 Gramm. Am wenigsten Salz wird – so die neue Studie – in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara gegessen – etwas mehr als 5 Gramm pro Tag. Den größten Appetit auf Salz haben die Asiaten. In Zentralasiens mit ca. 14 Gramm. Zusammengenommen soll die hohe Kochsalzzufuhr zur Folge haben, dass weltweit 2010 schätzungsweise 1,65 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben, weil sie täglich mehr als 2 Gramm Natrium (= 5 Gramm Kochsalz) aufnahmen.
 

Wieviel Kochsalz essen die Deutschen?

In Deutschland essen nach den Daten der Nationalen Verzehrsstudie Männer im Durchschnitt 9,0 Gramm und Frauen 6,5 Gramm Salz täglich. Tatsächlich dürfte der Salzverbrauch noch deutlich höher liegen. Man geht davon aus, dass die tatsächliche Kochsalzaufnahme um mindestens 40 Prozent höher liegt, besonders bei Personen die häufig Fertigprodukte und Fast Food essen oder stark zusalzen – denn was z. B. aus den Salzstreuern rieselt, hat die Verzehrsstudie nicht erfasst. . Vor allem Kinder und Jugendliche essen schon zu viele kochsalzreiche Lebensmittel. Vier von fünf Männern (86 Prozent) und über die Hälfte der Frauen (58 Prozent) überschreiten mit ihrer Salzaufnahme den empfohlenen Wert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), der für Erwachsene bei täglich höchstens 6 Gramm Kochsalz.
 

Wie schädlich ist Kochsalz für Herz und Kreislauf

Schadet Kochsalz nun der Gesundheit oder ist es ein gesundes Gewürz? Und falls es schadet: Warum sind dann 10 bis 15 Gramm Salz zu viel? Salz, so die Theorie, treibt den Blutdruck in die Höhe, fördert dadurch die koronare Herzkrankheit und senkt so die Lebenserwartung. Inzwischen sind beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fast 10 000 Studien zum Thema „Salz und Blutdruck“ registriert. Einen eindeutigen Beweis für die These vom Kochsalz als Schadstoff liefern sie nicht. Unterziehen sich Hochdruckkranke einer salzarmen Diät, sinkt der Blutdruck in der Regel zwar um wenige Punkte. Allerdings sinkt er nur so geringfügig, dass dies kaum therapeutische Relevanz hat. Von diesem „Standardbefund“ gibt es allerdings eine wichtige Ausnahme: Ca. ein Drittel aller Hochdruckpatienten gilt als ‚salzsensitiv’. Das heißt: Sie reagieren besonders empfindlich auf Kochsalz. Doch sogar bei Ihnen sinkt der Blutdruck bei salzarmer Kost nicht so stark, dass auf blutdrucksenkende Medikamente verzichtet werden könnte.
 

Wie streng sollte man Salz sparen?

Entsprechend kritisieren viele Experten, dass der Zusammenhang zwischen hohem Salzkonsum und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzw. -sterblichkeit nach wie vor unbewiesen ist. Auch die vom Spiegel zitierten neuen Studien beruhen auf Hochrechnungen, Schätzungen und mathematischen Modellen. Zwar ist unbestritten, dass weniger Salz den Blutdruck geringfügig senken kann. Dieser Einfluss schützt womöglich einerseits vor Infarkt und Schlaganfall, belastet den Organismus jedoch durch die Gegenregulation des Stoffwechsels und fördert dadurch andere Erkrankungen. So zeigt eine andere aktuelle Studie an 100.000 Teilnehmern, dass im Bereich einer Kochsalzaufnahme von 3 bis 6 g Natrium (7,5 bis 15 g Kochsalz) pro Tag das geringste Risiko sowohl für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzw. –sterblichkeit alsauch für die Gesamtsterblichkeit bestand. Damit wäre die derzeitige durchschnittliche Salzaufnahme der Deutschen noch gut im grünen Bereich. Der Ernährungswissenschaftler Prof. Nicolai Worm z.B. sieht keinen klinisch relevanten Vorteil der strikten Salzreduktion und auf Grund dessen auch keinen Anlass zum strengen Salzsparen. Stattdessen rät er: „Statt auf dröge, kaum einhaltbare strikte Salzarmut zu setzen, ist es offensichtlich sinnvoller, moderat zu salzen und andererseits die Kalium-Zufuhr deutlich zu erhöhen.“
 

Tipp von docFood:

Sollte man Salz sparen? In jedem Falle ja – aber nicht aus Angst vorm Herzinfarkt. Weder zu viel noch zu wenig Salz ist für unseren Körper gut. Wer sparsam mit Salz umgeht, schützt sich  zum einen vor gesundheitlichen Schäden. Zum zweiten ist es ratsam, den Salzverbrauch aus Gründen des guten Geschmacks zu reduzieren. Denn Salz schmeckt nur salzig – wo es doch so viele andere wunderbare Möglichkeiten zum Würzen gibt!

Ihr Cholesterin ist hoch? Bloß keine Panik!

Kennen Sie Ihren Cholesterinwert? Heute ist „Tag des Cholesterins“, und zahlreiche Apotheken, Arztpraxen und Kliniken bieten Cholesterin-Messstationen, Informationsangebote und weiteren Aufklärungsaktivitäten an. Mit dem Aktionstag möchte die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF (Lipid-Liga) e. V. die Bevölkerung mobilisieren. Unter dem Motto „Blutfettwerte messen lassen – je früher desto besser!“ sollen Verbraucher auf die gesundheitlichen Gefahren aufmerksam gemacht werden, die mit einem zu hohen Cholesterinwert verbunden sind. Über Sinn und Unsinn dieser Messungen spricht docFood mit der Ernährungswissenschaftlerin und Fett-Expertin Ulrike Gonder.
 
docFood: Nach Meinung der Lipid-Liga sollte jeder von uns seinen Cholesterin- und Triglyzeridwert kennen – auch Eltern den Wert ihrer Kinder. Sollten tatsächlich alle zum Messen gehen?
Ulrike Gonder: Das halte ich für doch etwas zu pauschal. Denn wir wissen ja, dass der Wert des Gesamtcholesterins im Blut nur eine ganz eingeschränkte Aussagekraft hat. Was das Herzinfarktrisiko angeht, ist dieser Wert eigentlich nur für Männer mittleren Alters – so um die 50 – relevant. Für ältere Menschen gilt demgegenüber sogar, dass mit steigendem Cholesterin die Sterblichkeit abnimmt. Man lebt also länger, wenn man mehr Cholesterin im Blut hat. Ein erhöhter Cholesterinspiegel kann zwar ein Alarmsignal sein. Doch isoliert betrachtet hat er kaum Aussagekraft und muss keine Angst vor einem erhöhten Herzinfarktrisiko machen.
docFood: Wer sollte dann überhaupt seinen Cholesterinwert messen lassen?
Ulrike Gonder: Bei Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel und ähnlichen Beschwerden ist es in jedem Fall sinnvoll, mal näher hinzuschauen. Allerdings: Der Wert für das Gesamt-Cholesterin allein sagt eigentlich gar nichts. Es muss aufgeschlüsselt werden in den Anteil an HDL- und LDL-Cholesterin und die Triglyceride. Weniger bringt nichts, wenn man abschätzen will, ob ein Risiko besteht oder nicht. Sind LDL oder Triglyceride zu hoch und HDL zu niedrig und gleichzeitig Blutdruck und Gewicht erhöht, kann man tatsächlich sagen: Hier ist ein hohes Risiko – da muss was unternommen werden.
docFood: Die Lipid-Liga empfiehlt, den Cholesterinwert am besten vorsichtshalber schon bei Kindern ab dem zehnten Lebensjahr bestimmten lassen. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?
Ulrike Gonder: Das erscheint mir tatsächlich völlig übertrieben. Man macht den Kindern damit eher Angst und klemmt das an einem isolierten Wert fest. Wer dafür sorgt, dass seine Kinder normalgewichtig und in Bewegung bleiben, muss sicherlich keine Cholesterinwerte messen lassen – abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, etwa in Familien mit familiärer Hypercholesterinämie oder familiären Fettstoffwechselstörungen, wo schon sehr früh Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten können. In solchen Familien ist dieses Risiko bei der heutigen engmaschigen medizinischen Betreuung allerdings meist sowieso bekannt. Aber jetzt generell zu sagen: Cholesterin messen ab 10 Jahren – das halte ich für hahnebüchen. Man sollte bei Kindern positives Verhalten bestärken, anstatt nach kaum definierbaren Risiken zu schauen: Spaß an gutem Essen vermitteln, das gesund, fit, fröhlich und munter hält. Zudem besteht die Gefahr, dass überbesorgte Eltern die Kinder bei leicht erhöhten Werten mit fettarmen Diäten malträtieren. Denen wird dann Phytosterin-Joghurt und fettarme Margarine reingestopft. Das ist für die Entwicklung eines Kindes eher kontraproduktiv. Gerade Kinder brauchen eine gewisse Menge an Fett, und fettarme Kost hat sich ja gerade als Herz-Kreislauf-Prophylaxe nicht bewährt.
Das Interview führte Dr. Friedhelm Mühleib
Bildquelle: Claudia Hautumm / pixelio.de
 

Ulrike Gonder

Ulrike Gonder


Nächste Woche bei docFood: Im zweiten Teil des Interviews mit Ulrike Gonder geht es um die Frage: Erhöhte Cholesterinwerte – Wieviel Fett in der Ernährung ist da noch angebracht.
 
Ulrike Gonder ist Diplom-Oecotrophologin und arbeitet seit 20 Jahren als freie Wissenschaftsjournalistin, Autorin und Referentin. Ihr Lieblingsthema ist das Fett, dem sie schon viele Artikel und mehrere Bücher gewidmet hat, z. B. „Mehr Fett! Warum wir mehr Fett brauchen, um gesund und schlank zu sein.
 
 
 
 
 
 
 

Bluthochdruck: Kann richtige Ernährung helfen? (Teil 2)

Doc Food Interview mit der Bonner Ernährungstherapeutin Dr. Claudia Laupert-Deick
Im ersten Teil des Interviews legte die Expertin dar, dass eine Lebensstiländerung bei milder Hypertonie bereits nach einigen Wochen bzw. wenigen Monaten den Blutdruck bei 40 bis 50 % der Patienten in den Normbereich zurückführen kann. Im Folgenden redet sie über Alternativen zu Beta-Blockern, die häufig zwar den Blutdruck senken, parallel dazu aber den Appetit steigern und zu Gewichtszunahme führen.
Doc Food:  Einige Medikamente gegen Bluthochdruck führen zu einer Gewichtszunahme – was wiederum den Blutdruck in die Höhe treibt und das metabolische Syndrom begünstigt. Kann Ernährungstherapie und -beratung dazu beitragen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?
Laupert-Deick: In erster Linie sind es die Beta-Blocker, die zu einem Anstieg des Körpergewichtes führen. Beta Blocker sollten nach der aktuellen Leitlinie eigentlich nur bei manifester koronarer Herzkrankheit (KHK) eingesetzt werden. Für Patienten ohne KHK wäre neben einem geeigneten Medikament die Lebensstiländerung das Mittel der Wahl für eine erfolgreiche Behandlung. Sollte sich der Blutdruck dabei normalisieren, können die Medikamente reduziert oder sogar abgesetzt werden.

Doc Food: Welche Fähigkeiten brauchen Ernährungstherapeuten und -berater um Hypertoniker erfolgreich zu behandeln?

Laupert-Deick: Die Behandlung der Hypertonie gehört auf jeden Fall in den Bereich der Ernährungstherapie und nicht in den Bereich einer Beratung. Zu den Mindestvoraussetzungen für die optimale Betreuung der Patienten gehören die Analyse von Ernährungsprotokollen, die Durchführung von mindestens 5 bis 6 Therapiesitzungen, sowie gute Kenntnisse über die Zusammenhänge von Ernährungseinflüssen und Hochdruck bzw. von Medikamenten und ihrer Wirkung. Eine gute Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt ermöglicht die patientengerechte Abstimmung über die Kombination von Medikamenten und Lebensstiländerung.
Doc Food:  Wie Können Ernährungsfachkräfte die Zusammenarbeit mit den Ärzten beim Thema Bluthochdruck aktivieren / intensivieren?
Laupert-Deick: Eine geeignete Möglichkeit, die sich in meiner Praxis bewährt hat, ist das Verfassen von Up-Date Informationen, die dann an die Ärzte versendet werden, mit denen man kooperiert oder in der Zukunft zusammen arbeiten möchte. Natürlich können gut ausgebildete Ernährungsfachkräfte auch durch Ärztefortbildungen neue Patienten aquirieren.

Das Gespräch führte Dr. Friedhelm Mühleib

Dr. Claudia Laupert-Deick betreibt eine Praxis für Ernährungstherapie und -beratung in Bonn. Hypertonie und Fettstoffwechselstörungen gehören zu ihren Schwerpunktthemen. Sie ist Mitautorin des im TRIAS-Verlag erschienenen Ratgebers „Bluthochdruck senken ohne Medikamente“.

Bildquelle: Martin Berk  / pixelio.de

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