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Der Ernährungstherapeutische Prozess

„Der Ernährungstherapeutische Prozess“ ist der Titel eines beeindruckenden Sammelbandes, verfasst von einem Dutzend Schweizer ErnährungsberaterInnen, der als erster im deutschsprachigen Raum einen profunden Überblick dessen liefert, was vor allem in den USA schon seit Jahren als „Nutrition Care Process“ (NCP) diskutiert und vor allem auch praktiziert wird. Die folgende Rezension wurde freundlicherweise von Sonja Mannhardt, Oecotrophologin und Ernährungstherapeutin aus Schliengen, für docFood als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt:
 
Zunächst einmal ein WOW! Dieses beeindruckende Werk unserer Schweizer Kollegen bringt endlich in einer umfassenden und differenzierten Betrachtung die Komplexität des ernährungstherapeutischen Prozesses zu Papier. Erstmals im deutschsprachigen Raum wird beschrieben und eindrücklich aufgezeigt, was unsere Arbeit als professioneller Beratungsprozess von Möchtegern-Beratern unterscheidet und trägt damit maßgeblich zu einer Professionalisierung und Akademisierung unserer Arbeit bei! Damit liefert es eine großartig gelungene Beschreibung des Prozesses, der den Kern unserer Arbeit ausmacht.

Ernährungstherapie – Partnership in fünf Schritten
Anhand des im angelsächsischen Raum längst bekannten Konzeptes des „Nutrition Care Process“-Modells (NCP) wird in fünf Schritten aufgezeigt, was unsere Arbeit ausmacht: ● Ernährungstherapeutisches Assessment ● Ernährungstherapeutische Diagnose, ● die Planung der Beratung, ● die ernährungstherapeutische Intervention und ● das ernährungstherapeutische Monitoring inkl. Evaluation. Doch anders als in anderen Werken wird nicht „trocken“ und relativ praxisfern aufgezeigt, was das heißt, sondern die Autoren haben es als Kollegen verstanden, den Transfer in unsere Beratungspraxis zu schaffen. Sie begreifen und vermitteln unsere Arbeit als „partnership“. Sehr hilfreich sind in diesem Sinne zum Abschluss jedes Kapitels die „zentralen Gesichtspunkte“, die zusammenfassen sowie die „Diskussion“, die dem Lesenden wichtige Fragen zur Selbstreflektion stellt – ganz im Sinne von „partnership“.

Im Mittelpunkt: Die Patient-Berater-Beziehung
Dabei gliedert sich das Buch in zwei Hauptteile:

  1. Grundlagen des Handlungsfeldes, des Expertenwissens und der Expertise-Entwicklung ernährungstherapeutischer Fachpersonen
  2. Der ernährungstherapeutische Prozess – ein didaktisches Hilfsmittel zum Erwerb von Handlungskompetenzen.

Im ersten Teil beeindruckt vor allem das Kapitel „Kooperative Beziehungsgestaltung“. Endlich wird ausgesprochen, was andere wissenschaftliche Disziplinen längst wissen (Pädagogik, Psychotherapie, Medizin): Es ist die Patient-Berater-Beziehung die wirkt! Es werden die medizinisch-ethischen Prinzipien aufgegriffen, es wird zwischen Moral und Ethik (endlich!) unterschieden, auf das Modell der „Wirkfaktoren“ und Menschenbild ebenso eingegangen, wie auf die Merkmale einer professionellen Beziehung. Selbst neueste Erkenntnisse zur „working alliance“ werden klug, brandaktuell und dezidiert aufgegriffen und in unseren Alltag übertragen.

Vom Kern der Ernährungstherapie
Und endlich findet sich in einem Buch über NCP ein Kapitel, indem es um das Herz unserer Arbeit geht, nämlich die „ernährungstherapeutischen Interventionen“, die in Folge zu nachhaltigen Verhaltensänderungen führen sollen. Nicht nur die Prozess-Elemente wie Auftragsklärung, Zielklärung und Maßnahmenplanung kommen zur Sprache, sondern das Kapitel beginnt zu recht mit „Haltungen und Handlungen der Fachperson“. Danach werden die Kategorien ernährungstherapeutischer Interventionen beschrieben. Die direktiven (z.B. Zufuhr von Lebensmitteln und Ernährungsanpassungen; die Ernährungsedukation und -information), sowie die Ernährungsberatung und -befähigung und die indirekten Interventionen, die als Begleitung des Veränderungswegs verstanden werden können.

Ein Dankeschön an die Autoren!
Einfach wunderbar sind die vielen Praxisbeispiele, die nur jemand schreiben kann, der viel Beratungserfahrung hat. Am Ende der Lektüre kann ich den Autoren nur vollumfänglich zustimmen: „Das Buch hat das Zeug, zum Standardwerk zu avancieren.“ Es ist bestens geeignet, das eigene Handeln bewusst zu machen und zu analysieren. In jedem Fall gebührt den 12 Schweizer Kollegen und Autoren ein herzliches Dankeschön! Ihnen ist ein Werk gelungen, das nicht in blanker Theorie stecken geblieben ist und darüber hinaus zum Denken anregt.

Sonja Mannhardt

 
Übrigens: Wer die Autoren persönlich erleben und die Arbeit mit dem ernährungstherapeutischen Prozesse praxisnah kennen lernen will, dem bietet das Seminar „Der Nutrition Care Process“ (08. – 09. Juni) bei ‚freiraum – Fachseminare für Ernährungsprofis‚ eine ideale Gelegenheit.

Adrian Rufener und Sandra Jent (Hrsg.), Der Ernährungstherapeutische Prozess, Hogrefe Verlag, Bern 2016, 416 Seiten, ISBN: 978-3-456-95501-8, Preis: 49,95 EUR
 

Adipositas: Therapie braucht den Blick auf das Stigma

Neujahr – Zeit der guten Vorsätze.  Für viele Menschen mit Übergewicht und Adipositas steht ein großer Wunsch im Vordergrund: „Abnehmen! Ich will endlich normales Gewicht!“ Im Innersten zweifeln diese Menschen häufig daran, dass dieser Wunsch jemals Wirklichkeit wird. Ein Zweifel, der nicht nur von vielen gescheiterten und vergeblichen persönlichen Abnehm-Versuchen genährt wird: Dick-Sein ist mit einem Stigma belegt ist. Es lähmt die Betroffenen wie eine Fessel, aus der es aus eigener Kraft keine Befreiung gibt.
 
Der Druck, unter den die Stigmatisierung die Betroffenen setzt, ist nach Ansicht der Psychotherapeutin und Adipositas-Expertin Prof. Claudia Luck-Sikorski ein Hauptgrund für das Scheitern vieler Ansätze der klassischen Adipositastherapie auf der Basis von Ernährungsumstellung und Diäten. Nach Meinung der Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit Gera wäre ein Verzicht auf die bisher üblichen Schuldzuweisungen vor jeder Diät Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie: „Sie gefährden den Erfolg der Behandlung. Solange wir auf dem Einzelnen herumhacken und sagen, dass der sich eigentlich nur ändern muss, um das Problem Übergewicht zu lösen – solange wird es keine echten Lösungen dafür geben.“
 

Adipositas – ein menschlicher Makel?

Ein Stigma ist ein ‚menschlicher Makel‘, der Einzelnen oder Personengruppen von ihrer Umgebung zugeschrieben wird. Wenn Menschen, die in bestimmten Eigenschaften von der gesellschaftlichen Norm abweichen, von ihrer Umgebung diskreditiert werden, kann daraus für die Betroffenen ein Stigma entstehen. Wenn Dicke z.B. verbreitet als willensschwach, hässlich, zügellos, unberührbar und faul gelten, sind das Zuweisungen, die Übergewicht und Adipositas zum Kainsmal machen, zum sichtbaren äußeren Zeichen all dieser unerwünschten Eigenschaften. Folge dieser verallgemeinernden Zuschreibung sind oft Vorurteile, die nicht selten in Diskriminierung münden. So wird Adipositas zum Stigma, das bei Betroffenen großen Leidensdruck auslösen kann, im Extremfall vergleichbar vielleicht mit dem Gefühl, ein Aussätziger zu sein.
 

„Friss einfach weniger!“

Wie sich das anfühlt? „Alle Dicken sind derselben Ausgrenzung unterworfen. Jeder hat das Recht, sie zu verachten. Und wenn sie sich darüber beklagen, wie man sie behandelt, denken eigentlich alle dasselbe: Friss weniger, Fettsau, dann kannst du dich auch integrieren.“ Deutlicher lässt sich das Stigma Adipositas wohl kaum beschreiben. Das Zitat stammt von einer der Figuren in „Vernon Subutex“, dem jüngsten Roman der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes, die von der Kritik in Frankreich und Deutschland gerade begeistert gefeiert wird. Die Autorin lässt  ihre Protagonistin weiter über ihr Schicksal als ehemals dicke Jugendliche reflektieren:  „Mit den Dicken kann man sich alles erlauben. Sie in der Kantine anmotzen, sie beschimpfen, wenn sie auf der Straße essen, ihnen gemeine Spitznamen geben, sie auslachen, wenn sie Fahrradfahren, sie ausgrenzen, ihnen Diätempfehlungen geben, ihnen sagen, sie sollen still sein, sobald sie den Mund aufmachen, sie auslachen wenn sie gestehen, dass sie gern jemandem gefallen würden, das Gesicht verziehen, wenn sie irgendwo aufkreuzen. Man kann sie schubsen, in den Wanst kneifen oder mit Füßen treten: Niemand wird sie verteidigen.“  Anschaulicher lässt sich das Stigma wohl kaum beschreiben.
 

Adipositas braucht neue Therapieansätze

Despentes‘ übergewichtige Jugendliche schafft es schließlich mit professioneller Hilfe. „Mit 17 stieß sie eine höchst diktatorische Ernährungsberaterin auf das Gleis einer drakonischen Diät. Sie war jemand, der fünf Jahre immer auf dem Bahnsteig stehen geblieben ist – diesmal funktionierte es, warum auch immer: diesen Zug nahm Sie mit, und nach sechs Monaten war sie ein anderer Mensch. ….In sechs Monaten hatte sie 18 Kilo abgenommen.“  Wie schön, dass es – warum auch immer – funktioniert hat. Im richtigen Leben funktioniert der Weg über drakonische Diäten tatsächlich nur selten. Prof. Luck-Sikorski : „Man kann diesen Menschen kein Konzept nach dem Muster präsentieren: ‚Jetzt mach halt dies oder das, dann wird das schon klappen bei dir.‘ Die Therapie muss komplett weg von der Belehrung! Diesbezüglich läuft momentan aber noch vieles schief. Das Problem ist so höchst individuell, dass diese einfachen Lösungen zum Scheitern verurteilt sind. Und sie scheitern ja auch tatsächlich. Immer wieder! Ernährungstherapie für adipöse Menschen sollte grundsätzlich auf der Basis einer Therapeutischen Allianz stehen, wie wir sie aus der Psychotherapie kennen: Als respekt- und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Therapeut und Patient bei gemeinsamer Definition des Therapiezieles und des Weges dorthin.“

Dr. Friedhelm Mühleib

Mehr zum Thema: Interview mit Prof. Luck-Sikorski im tellerrandblog

Veranstaltung: Unter dem Titel „Adipositas – ein menschlicher Makel“ vermittelt Prof. Luck-Sikorski im Februar praxisorientierte Maßnahmen und Methoden zum Umgang mit der Stigmaproblematik für Fachkräfte der Ernährungsberatung.  Das Tagesseminar findet in der Reihe „Fachseminare für Ernährungsprofis“ im Seminarhaus freiraum statt.
Beitragsfoto: Copyright Jana Hesse/DAK-Gesundheit

Diabetes mit Diät besiegen

 Isobel Murray, 65 Jahre alt, Britin aus der Nähe von Glasgow, ist glücklich. Dem Reporter der BBC-News verkündet sie strahlend: „Ich habe den Diabetes mit Diät-Drinks besiegt“. Bis vor einem Jahr wog sie 95 kg und litt an Diabetes Typ II. Als Teilnehmerin der britischen DiRECT-Studie, deren spektakuläre Ergebnisse gerade veröffentlicht wurden, hat sie nicht nur 25 kg verloren, sondern auch ihren Diabetes. Sie sagt: „Ich habe mein Leben zurückbekommen.“
 
Isobel war eine von 298 Teilnehmern des Diabetes Remission Clinical Trial (DiRECT). Bei der DiRECT Studie ging es um die Frage, ob und inwieweit sich ein bestehender Typ II Diabetes durch Gewichtsabnahme und Ernährungsumstellung heilen lässt.
 

Wendepunkt für die Therapie des Diabetes

Die Studie brachte ein Aufsehen erregendes Ergebnis: Bei 46 Prozent der Teilnehmer in der Behandlungsgruppe war der Diabetes verschwunden (  in der Kontrollgruppe waren es nur 4 Prozent). Prof Roy Taylor (Newcastle University) und Prof Mike Lean Glasgow University) als wissenschaftliche Leiter der Studie sehen darin einen Meilenstein und Wendepunkt für die Therapie des Diabetes mit dem Potential, Millionen von Patienten zu helfen.
Zu den Fakten im Einzelnen: Bei den Teilnehmern der Studie handelte es sich um zufällig über Hausarztpraxen ausgewählte, stark übergewichtige Personen mit nicht insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes im Alter von 20 bis 65 Jahren, die ihre Diagnose „Diabetes“ vor höchstens sechs Jahre erhalten hatten. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Für die Versuchsgruppe gab es ein strenges Programm mit dem Namen „Counterweigt-Plus“ und einer strikten Diät. Die Mitglieder der Kontrollgruppe erhielten von ihrem Hausarzt eine leitliniengerechte Diabetes-Therapie nach dem aktuellen Stand der diabetologischen Behandlung, wie sie ‚normalen‘ Diabetes-Patienten üblicherweise verordnet wird.
 

Drastische Umstellung der Ernährung

Die Diättherapie der Interventionsgruppe begann mit einer drastischen Umstellung: Blutzucker- und blutdrucksenkenden Medikamente wurden vom ersten Tag an abgesetzt, und die Teilnehmer mussten auf ihre bisherige Art zu essen komplett verzichten. Unter Begleitung und Beratung von Ernährungsfachkräften und geschulten Arzthelferinnen ernährten sie sich über drei bis fünf Monate hinweg ausschließlich von einer standardisierten Nährlösung (einer sogenannte Formuladiät) mit einer Energiezufuhr von ca. 850 Kalorien täglich. Anschließend lernten sie unter Anleitung der Fachkräfte schrittweise über zwei bis acht Wochen eine Umstellung auf eine kalorienarme Normalkost. Zudem wurden die Teilnehmer dann zu Bewegung animiert und erhielten eine kognitive Verhaltenstherapie.
 

50 Prozent vom Diabetes geheilt

Die Ergebnisse der Studie waren erstaunlich: Nach zwölf Monaten hatten die Teilnehmer der Interventionsgruppe im Mittel 10 kg abgespeckt (..gegenüber einem Kilo Gewichtsverlust in der Kontrollgruppe). Das eigentlich Spektakuläre aber war: Bei 46 Prozent in der Behandlungsgruppe war der Diabetes verschwunden (  in der Kontrollgruppe waren es nur 4 Prozent). Dabei war die Chance auf die Remission des Diabetes proportional zur Gewichtsabnahmen: Der Anteil der Diabetes-Remissionen stieg parallel zur Zahl der verlorenen Kilos. So war bei 86 Prozent der Patienten mit einem Gewichtsverlust von 15 kg und mehr der Diabetes verschwunden.
Dabei war die Diät-Therapie praktisch frei von Nebenwirkungen. Nicht ein einziger Patient der Interventionsgruppe brach seine Teilnahme aufgrund schwerer bzw. unerwünschter Wirkungen ab. Einige Teilnehmer litten unter vorübergehenden Störungen des Allgemeinbefindens wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Verstopfung. Die Abbrecher-Quote von 21 Prozent ging zum überwiegenden Teil nicht auf ein Scheitern an der strengen Diät zurück, sondern war in den meisten Fällen durch persönliche Umständen wie Umzug, Trauerfall oder Jobverlust bedingt.
 

docFood meint

Allen Unkenrufen zum Trotz zeigt die Studie: Ernährungstherapie kann extrem viel bewirken. Wenn ähnliche Studien und Projekte in Vergangenheit gescheitert sind, mag das auch an der fehlenden fachkundigen Betreuung gelegen haben. Die Teilnehmer von DiRECT wurden von Ernährungsfachkräften während der gesamten Laufzeit der Studie engmaschig und professionell begleitet. Alleine dieser Faktor dürfte einen großen Teil des Erfolgs erklären. Der gutgemeinte ärztliche Rat, zwischen Tür und Angel, doch möglichst ein paar Kilo abzuspecken, reicht eben nicht, um Patienten zu motivieren. Das ist etwa so wirksam, wie wenn ein Analphabet dem anderen empfiehlt, doch mal ein Buch zu lesen. In jedem Fall bleibt es spannend, denn die englischen Forscher werden die Studie weiterführen. Schließlich stehen die Teilnehmer nach Ansicht der Wissenschaftler jetzt vor der größten Herausforderung: Gewicht langfristig halten und ein erneutes Aufflammen des Diabetes vermeiden. Zur Klärung der Frage, wie die Teilnehmer das meistern, werden weitere vier Jahre lang Daten erhoben und ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Phase könnten, so Taylor und Lean, die Behandlung des Typ-2-Diabetes revolutionieren.

Dr. Friedhelm Mühleib

Einen ausführlichen Kommentar von Dr. Friedhelm Mühleib zum Umgang mit den Ergebnissen der Studie und zur Wahrscheinlichkeit von Konsequenzen für die Behandlung des Diabetes gibt es hier im tellerrandblog

Fettleber – immer öfter bei Kindern

Anlässlich des gestrigen Weltkindertages (20.September) weist die Deutsche Leberstiftung auf den alarmierenden Anstieg von Übergewicht bei Kindern und die in Zusammenhang damit stark steigende Zahl von Kindern hin, die an einer durch Fehlernährung und Bewegungsmangel bedingten nicht-alkoholischen Fettleber (NAFLD) leiden.Unbehandelt kann diese Krankheit schon bei jungen Menschen zu Leberkrebs führen.

 
„Es gibt dringenden Handlungsbedarf, die Zahlen sind alarmierend. Immer mehr Kinder sind zu dick und leiden unter einer chronischen Lebererkrankung wie beispielsweise der nicht-alkoholischen Fettleber“, warnt Prof. Ulrich Baumann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus der Pädiatrischen Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Hochschule Hannover.
 

Schon Dreijährige sind schon betroffen

Wie ein Report der Gesellschaft der Europäischen Gastroenterologen aus dem Jahr 2016 belegt, hat jedes zehnte in Europa von einem Arzt behandelte Kind eine nicht-alkoholische Fettleber. Sogar Dreijährige sollen unter den jungen Patienten sein. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm: In Europa ist jedes dritte Kind im Alter zwischen sechs und neun Jahren krankhaft zu dick – und fast die Hälfte aller stark übergewichtigen Kinder entwickelt eine nicht-alkoholische Fettleber. Diese Lebererkrankung macht sich nur in sehr seltenen Fällen durch Krankheitssymptome bemerkbar, sie ist jedoch stets ein großes Gesundheitsrisiko: Auch bei Kindern besteht die Gefahr einer Leberentzündung und einer Fibrose, die sich zu einer Leberzirrhose entwickeln kann. Vor allem bei einer bestehenden Zirrhose ist auch bei Kindern und Jugendlichen das Risiko für einen Leberzellkrebs deutlich erhöht. Dabei ist eine frühzeitige Diagnose unkompliziert möglich. Eine einfache Ultraschalluntersuchung kann bereits Leberveränderungen sichtbar machen, und bei übergewicht weisen auch „erhöhte Leberwerte (GPT, GOT und GGT) auf eine Lebererkrankung hin. Eine rechtzeitig gestellte Diagnose, eine Behandlung sowie eine Ernährungsumstellung und Sport können bewirken, dass sich die Fettablagerungen in der Leber wieder zurückbilden“, erklärt Prof. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung,
 

NAFLD – die ‚stille‘ Epidemie

Erschreckend ist die steigende Zahl von Kindern mit Fettleber vor allem auch deshalb, weile sich bei der Erkrankung um eine ‚stille‘ Epidemie handelt, die auch bei Erwachsenen in beängstigendem Ausmaß um sich greift. Derzeit gibt es nach aktuellen Schätzungen in Deutschland ca. rund 10 Millionen Menschen mit NAFLD, die im Anfangsstadium weitgehend beschwerdefrei ist und deshalb oft erst erkannt wird, wenn eine Fettleberhepatitis (NASH) daraus entsteht, an der derzeit ca. 2 bis 3 Millionen Menschen in Deutschland leiden. Dies wird nach Ansicht von Experten in den nächsten Jahren nicht nur die Zahl der Leberzirrhosen und der hepatozellulären Karzinome nach oben treiben, sondern auf dem Weg über die begleitende systemische Entzündungsreaktion auch die Zahl der kardiovaskulären Erkrankungen, der Kolon- und der Pankreaskarzinome.
Da es derzeit noch keine wirksamen Medikamente gegen NAFLD gibt, ist die Ernährungstherapie mit dem Ziel der Gewichtsreduktion die einzige wirkungsvolle Maßnahme, mit der sich der Zustand der Leber weitgehend normalisieren lässt. Da Patienten oft nicht willens oder fähig zu entsprechenden Lebensstiländerungen und den damit verbundenen Ernährungsumstellung sind, arbeitet die Pharmaindustrie mit Hochdruck an der Entwicklung von Medikamenten, die – wie die Ärztezeitung berichtet – schon in wenigen Jahren im Bereich der NAFLD Medikationskosten verursachen könnten, „gegen die die Kosten der Hepatitis C-Therapie geradezu überschaubar wirkten“. Schon heute werde weltweit eine Milliarde US-Dollar für NAFLD-Therapeutika ausgegeben. Dies dürfte innerhalb der nächsten acht Jahre auf 15 Milliarden US-Dollar in die Höhe schnellen.
 

docFood empfiehlt

Ernährungsfachkräfte, die mit übergewichtigen Kindern und Jugendlichen arbeiten, sollten den Eltern  immer den Rat geben, beim behandelnden Arzt eine Fettlebererkrankung abkzuklären.Wenn sich ein entsprechender Verdacht bestätigt, sollte gemeinsam mit den Eltern eine Ernährungsumstellung geplant werden, die den Schwerpunkt auf eine Reduzierung der Energiezufuhr und dabei vor allem auf eine verminderte Zufuhr von Kohlenhydraten setzt. Eine Diät also, wie sie der Ernährungswissenschaftler Prof. Nicolai Worm in seinem Buch ‚Menschenstopfleber‘ beschreibt – übertragen auf den Bedarf von Kindern.
 

Zur Deutschen Leberstiftung

Die Deutsche Leberstiftung befasst sich mit der Leber, Lebererkrankungen und ihren Behandlungen. Sie hat das Ziel, die Patientenversorgung durch Forschungsförderung und eigene wissenschaftliche Projekte zu verbessern. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit steigert die Stiftung die öffentliche Wahrnehmung für Lebererkrankungen, damit diese früher erkannt und geheilt werden können. Die Deutsche Leberstiftung bietet außerdem Information und Beratung für Betroffene und Angehörige sowie für Ärzte und Apotheker in medizinischen Fragen. Die Deutsche Leberstiftung bietet unter www.deutsche-leberstiftung.de im Service-Bereich das Informationsblatt „Lebererkrankungen bei Kindern“ zum Download an. Auch „Das Leber-Buch“ der Deutschen Leberstiftung thematisiert in der aktualisierten und erweiterten Auflage dieses Themenfeld. Weitere Informationen: www.deutsche-leberstiftung.de

Red.

Quelle: Deutsche Leberstiftung

Mangelernährung – die unterschätzte Gefahr

Ärzte fordern bessere ernährungsmedizinische Betreuung von Tumorpatienten zur Bekämpfung von Mangelernährung: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. stellt in ihrer aktuellen Pressemeldung fest, dass bei Tumorerkrankungen im Magen-Darm- oder im Kopf-Hals-Bereich bis zu 80 Prozent der Patienten bereits mangelernährt sind, bevor eine Behandlung begonnen wird. Dabei könne eine rechtzeitige und individuelle ernährungsmedizinische Betreuung den Therapieerfolg positiv beeinflussen und die Lebensqualität der Krebspatienten verbessern.

 
„Für die Genesung müssen Krebspatienten alle Kräfte mobilisieren. Mangelernährung und Untergewicht verschlechtern die Lebensqualität und wirken sich negativ auf die Prognose aus“, erklärt die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) Prof. Dr. med. Stephanie E. Combs.
 

Ernährungsmedizinische Betreuung ein ‚Muss‘

Wenn der Krebs den Magen-Darm-Trakt oder den Kopf-Hals-Bereich befallen hat, leiden viele Patienten unter Schluckbeschwerden oder Verdauungsstörungen. Kommen dann bei einer Strahlentherapie, insbesondere wenn diese mit einer Chemotherapie kombiniert werden muss, auch noch Übelkeit und Erbrechen hinzu, werden Gewichtsabnahme und Mangelernährung zu einem echten Risiko für den Therapieverlauf. „Deshalb sollte jeder Tumorpatient ernährungsmedizinisch betreut werden“, so Combs. Am besten wird der Ernährungsstatus eines Patienten schon vor Beginn einer onkologischen Therapie erfasst, denn ist die Mangelernährung erst fortgeschritten, helfen oft nur noch eine Magensonde oder Infusionen, um den Patienten ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Auch die aktuelle S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin  bestätigt die Notwendigkeit und den Nutzen der Ernährungstherapie: Sie kann die Leistungsfähigkeit, den Stoffwechsel, die Therapieverträglichkeit und die Lebensqualität deutlich verbessern. Prof. Dr. med. Rainer Fietkau, Direktor der Strahlenklinik am Universitätsklinikum Erlangen und Vorstandsmitglied der DEGRO zieht daraus den Schluss „Hier ist die Vernetzung der Ärzte gefragt. Radioonkologen sollten mit Ernährungsmedizinern und Ernährungsberatern zusammenarbeiten, um für Krebspatienten einen passenden Ernährungsplan aufzustellen.“
 

Zur Umsetzung fehlt der politische Wille

Kliniken und onkologische Fachpraxen, in denen professionelle Ernährungstherapie und –beratung für Tumorpatienten angeboten wird, sind in der Praxis leider die Stecknadeln im Heuhaufen. Dabei sind Tumorpatienten nur eine – wenn auch wichtige Gruppe von kranken Menschen, die von Mangelernährung betroffen sind. Mangelernährung ist die große unterschätzte Bedrohung, die nicht nur von Medien und Öffentlichkeit, sondern auch vom Gesundheitssystem und sogar den Betroffenen selbst unbeirrt unterschätzt bzw. sogar ignoriert wird. Nicht umsonst zählt z. B. die „Initiative Nachrichtenaufklärung e. V.“ die Mangelernährung zu den Top Ten der vernachlässigten Nachrichten im Jahr 2016. Da ist es zumindest ein kleiner Trost, wenn eine medizinische Fachgesellschaft wie die AMWF endlich das Thema aufgreift und nach der einzigen Maßnahme ruft, die zur Eindämmung der Mangelernährung führen kann: Ernährungsmedizinische und ernährungstherapeutische Betreuung und Behandlung der Patienten. Bis heute ist ernährungsmedizinische Betreuung bzw. Ernährungstherapie als Instrument zur Behandlung der Mangelernährung nicht anerkannt. Es gibt nach wie vor weder ein obligates Screening auf Mangelernährung in Krankenhäusern noch eine strukturelle Verankerung interdisziplinärer Ernährungsteams im klinischen Bereich – vom ambulanten Bereich ganz zu schweigen. Hier ist die Gesundheitspolitik gefragt. Die hüllt sich jedoch in so hartnäckiges Schweigen, dass man fast schon bezweifeln könnte, ob dort irgendjemand das Problem überhaupt kennt.
 

docFood meint

Ernährungsmediziner und Ernährungsfachkräfte jeder Couleur,  vereinigt euch und fordert von der Politik eine einheitliche, angemessene Honorierung für alle professionellen Leistungen im Zusammenhang mit der Mangelernährung – sowohl für die ärztliche Leistung im klinischen und ambulanten Bereich alsauch für die Ernährungstherapie durch Ernährungfachkräfte. Die Berufs- und Fachverbände sollten ihre Stimme immer wieder öffentlich erheben, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Schade, die Chance, dies im Vorfeld der Wahlen zu tun, ist schon vertan.

Dr. Friedhelm Mühleib

Übergewicht geht an die Niere

Über zwei Mio. Menschen sind in Deutschland von einer chronischen Nierenkrankheit betroffen. Mehr als 100.000 Menschen    sind abhängig von einer Dialyse und/oder warten auf eine Transplantation. Immer noch steigt die Zahl der Betroffenen – besonders gefährdet sind dabei Menschen mit Übergewicht. Am heutigen Weltnierentag weist die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) darauf hin, dass sich die Zahl der   Nierengewebsschäden, die durch Übergewicht verursacht sind, in den vergangenen 30 Jahren verzehnfacht hat! Deshalb sollten Ernährungsfachkräfte  z. B. im Bereich der Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas schon frühzeitig auch die Nierengesundheit ins Auge fassen.
 
Übergewicht (BMI > 25 geht auch an die Nieren: Seit langem ist bereits ein indirekter Zusammenhang bekannt: Übergewichtige Menschen leiden oft unter Bluthochdruck – und der schädigt die feinen Blutgefäße in den Nieren, welche die Giftstoffe aus unserem Körper filtern.
 

Lange unterschätzt: Risikofaktor Übergewicht

Die Funktion der Nieren nimmt dann stetig ab, bis die Betroffenen eine Dialyse brauchen. Bei etwa einem Drittel aller Dialysepatienten ist ein Bluthochdruck die Ursache für das Nierenleiden. Übergewicht und Bluthochdruck kommen oft nicht allein, sondern fördern die Entstehung eines Diabetes. Ein Diabetes stellt einen zusätzlichen Risikofaktor für eine chronische Nierenkrankheit dar. Etwa 30- 40% der Diabetiker weisen Nierenschäden auf. Jedes Jahr werden mehr als 2.000 Patienten in Folge von Diabetes mellitus dialysepflichtig. Inzwischen weiß man, dass Fettleibigkeit die Nieren ganz unmittelbar schädigt. Fettgewebe sondert verschiedene Peptidhormone wie Adiponectin, Leptin und Resistin ab, die zu Entzündungen und oxidativem Stress führen, den Fettstoffwechsel negativ beeinflussen und erhöhte Insulinspiegel, oft auch eine Insulinresistenz nach sich ziehen. All das sind Prozesse, die zu krankhaften Veränderungen des Nierengewebes (sogenannten Glomerulopathien) führen und in Folge zu einer Abnahme der Nierenfunktion. Wie eine aktuelle Publikation in „Kidney International“   berichtet, hat sich der Zahl der durch Übergewicht verursachten Glomerulopathien seit 1986 verzehnfacht.
 

Experten warnen vor „Explosion“ der Dialysezahlen

Prof. Mark Dominik Alscher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), fordert mehr Aufmerksamkeit für das Thema: „Um keine Explosion der Dialysezahlen zu erleben, müssen wir unsere Präventionsbemühungen weiter verstärken“. Zum einen müsse die Öffentlichkeit für dieses Problem sensibilisiert und die Bevölkerung zu einem gesünderen Lebensstil motiviert werden, zum anderen müssten aber auch nephrologische Früherkennungsmaßnahmen intensiviert werden. Denn wenn eine chronische Nierenerkrankung rechtzeitig erkannt wird, kann ihr Fortschreiten medikamentös verlangsamt und die Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie oft über Jahre hinausgezögert werden. Alscher rät zu regelmäßigen Kontrollen der Nierenfunktion, die  nicht nur bei Diabetikern und älteren Menschen, sondern auch engmaschig bei allen Patienten mit Bluthochdruck oder Übergewicht durchgeführt werden sollten. Wichtigste vorbeugende Maßnahme bleibe, so Alscher, das Körpergewicht in den Normalbereich zu bringen – und langfristig zu halten.
 

Therapie: Ernährung kann entscheidende Rolle spielen

Der Schlüssel zur Prävention chronischer Schäden der Niere und ihrer Verschlimmerung bis hin zum Nierenversagen liegt in der Ernährung. Worum sonst geht es, wenn ein Nephrologe dazu auffordert, das „Körpergewicht in den Normalbereich“ zu bringen? Die Ernährung spielt bei Patienten mit Niereninsuffizienz im Rahmen der Gesamttherapie eine bedeutende Rolle. Neben einer Gewichtsreduktion bei vorhandenem Übergewicht ist das primäre Ziel ernährungstherapeutischer Maßnahmen die Absenkung der harnpflichtigen Substanzen im Blut, die Senkung und Normalisierung des Blutdrucks bei häufig vorhandenem Hochdruck sowie die Ausschwemmung von krankhaften Wassereinlagerungen (Ödemen). Die Vermeidung von Mangelernährung ist im fortgeschrittenen Stadium eine zusätzliche Aufgabe der Ernährungstherapie. Eine professionelle Ernährungstherapie kann das Fortschreiten der Nierenerkrankung sowie das Entstehen von Folgekrankheiten bei guter Compliance des Patienten über viele Jahre verlangsamen und hinauszögern.
 

docFood meint

Das Wissen darum ist leider zum einen das Wissen bei Hausärzten wie auch bei den Nephrologen als Experten gering. Zum anderen erfordert die individuelle Ernährungstherapie auch von den Fachkräften spezielle Kenntnisse, die häufig erst durch entsprechende Fortbildung erworben werden müssen. Dass Problem und Aufgabe erkannt sind, hat die Dreiländertagung von Meidzinern und Ernährungsfachkräften im vergangenen Jahr in Dresden gezeigt. Dort war man sich über den großen Nutzen einer Ernährungstherapie berufsübergreifend einig. Als Ergebnis wurde mehr und bessere Kooperation zwischen den Ärzten und Fachkräften gefordert. Passiert ist seitdem leider noch nicht viel.  Eine Schwalbe macht eben noch keinen Sommer. Hier muss noch viel passieren!

Dr. Friedhelm Mühleib

Die Leber aus ernährungsmedizinischer Sicht

Fettleber und andere chronische Lebererkrankungen stehen bei Ernährungsfachkräften ganz oben auf der Liste ernährungsbedingter Erkrankungen ihrer Klienten. Für alle, zu deren ernährungstherapeutischem Alltag Krankheiten rund um die Leber gehören, bietet die Fachhochschule Rheine am 02. November 2016 eine aktuelle, spannende (..und zudem kostenlose) Veranstaltung an: Lebererkrankungen und Ernährung – Update 2016, so lautet der Titel des 5. Rheinenser Ernährungsmedizinischen Symposiums. Dipl.-Medizinpädagogin Birgit Blumenschein und Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich (Foto) gehören mit zu den Akteuren.

Ziel der Veranstaltung ist, die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ernährungstherapie rund um die Leber miteinander verknüpfen.
 
Ganzheitlicher Blick auf Leber und Ernährung
Die Vorträge mit Fokus auf physiologischen, medizinischen, diätetischen und pharmakologischen Aspekten zeigen die optimale interdisziplinäre Vorgehensweise im klinischen und ernährungstherapeutischen Alltag auf. Hauptreferenten und Themen der Abendveranstaltung (17:00 – bis 20:30) sind ● Dr. rer. nat. Cordula Siegmann-Thoss (Diplom-Chemikerin; Hochschullehrerin der praxisHochschule Rheine) mit dem Thema „Die Leber – das Chemielabor in unserem Körper“ ● Dr. med. Frank Holtkamp-Endemann (Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Hepatologie, Proktologie, Gemeinschaftspraxis in Münster) mit seiner Keynote-Lecture über „Ernährungsmedizinisch relevante Lebererkrankungen“ ● Birgit Blumenschein (Dipl.-Medizinpädagogin; Diätassistentin; Wiss. Mitarbeiterin, Studiengang Clinical Nutrition, praxisHochschule Rheine), die über „Aktuelle Ernährungsaspekte“ referiert sowie ● Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich (Studiengangsleiter Clinical Nutrition, praxisHochschule Rheine, Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft) mit seinem Beitrag über „Hepatische Nebenwirkungen von Medikamenten: Management in der Praxis.
 
Info von docFood
Die Veranstaltung kann für die kontinuierliche Fortbildung von Zertifikatsinhabern mit bis zu 6 Punkten berücksichtigt werden. Sie ist für die Fortbildungszertifikate bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe und bei der Apothekerkammer Westfalen-Lippe angemeldet. Die Zertifizierung kann von VDD, VDOE und VFED mit bis zu 5 Punkten bestätigt werden. Zur Anmeldung für die Veranstaltung geht es hier.

 Redaktion

Foto: Dipl.-Medizinpädagogin Birgit Blumenschein und Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich – Referenten des Symposiums in Rheine.

© muehleib

Probiotika gegen Demenz & Co.?

Kann die Medizin die Darmflora nutzen, um Multiple Sklerose, Angstzustände, Autismus oder sogar Alzheimer zu heilen? So weit ist man noch lange nicht. Trotzdem belegen immer mehr Studien, dass Mikroorganismen aus dem Darm sowohl unser Verhalten beeinflussen als auch die Physiologie und Neurochemie des Gehirns verändern können. Wie aktuelle Untersuchungen einer Forschergruppe  unter der Leitung von Prof. John Cryan (Foto), Leiter des APC Microbiome Institute der Cork-University in Irland zeigen, könnten könnten sich neue Wege in der Behandlung z.B. von Krankheiten des Nervensystems  und psychischen Störungen ergeben.
 
Was hat die Darmflora mit dem Großhirn zu tun?
Prof. John F. Cryan erforscht schon seit Jahren die Rolle der Darmbakterien in der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn und gehört zu den Vorreitern der Erforschung der Hirn-Darm-Achse. Die Bakterien könnten, so Cryans Erkenntnis, ganz neue Perspektiven für die Behandlungen von Angst, depressiver Verstimmung und stressbedingten psychiatrischen Störungen eröffnen. Auch die aktuelle Studie der Gruppe um Cryan war diesem Thema gewidmet, in der es um den Einfluss der Mikrobiota auf den präfrontalen Cortex (PFC, Frontallappen) ging. Der PFC ist eine Schlüsselregion im Großhirn, in der zum einen die Vernunft zu Hause ist, wo aber auch Emotionen verarbeitet werden. Er spielt bei der Entstehung verschiedener neuropsychologischer Störungen wie Depression, Schizophrenie und Autismus eine Rolle.
 
Wie die Darmflora bei der Isolierung unserer  Nerven hilft
Die Forscher verglichen Mäuse mit normaler Darmflora und keimfreie Mäuse, die auf Grund einer Antibiotikabehandlung keine Darmflora besaßen. Sie wollten wissen, was im Frontallappen der keimfreien Gruppe im Vergleich mit den normalen Mäusen passiert und machten dabei eine überraschende Entdeckung: Den Zusammenhang zwischen einer intakten Darmflora und der Versorgung der Nerven mit Myelin. Myelin ist eine Substanz, die die Fortsätze von Nervenzellen wie eine Isolierung in Form der sogenannten Myelinscheiden umgibt. Intakte Myelinscheiden schützen die Nervenfortsätze und sichern die schnelle und effiziente Kommunikation im Nervensystem. Somit sind sie eine Voraussetzung für das normale Funktionieren unserer Nerven. Wird diese Isolierschicht beschädigt, entstehen neurologische Erkrankungen mit z.T. verheerenden Folgen. Auch der Multiplen Sklerose liegt ein Abbau des Myelins zu Grunde, was zu den bekannten Wahrnehmungs- und Bewegungsstörungen führt, die schließlich zum Tod führen können.
 
Beweis für die Wechselwirkung zwischen Darm und Hirn
Wie gut oder schlecht die Nervenzellen im PFC mit Myelin isoliert sind, ist mit abhängig von der Existenz einer intakten Darmflora – so die wichtigste Erkenntnis der Studie des Teams von Cryan. Bei den keimfreien Mäusen konnten die Forscher im Vergleich zu den Mäusen mit Darmflora im präfrontalen Cortex einen wesentlich stärkeren Anstieg der Genexpression für Myelin messen. Wurde den keimfreien Mäusen anschließend wieder eine normale Darmflora übertragen, ging ihre Fähigkeit zur verstärkten Myelinbildung weitgehend verloren. Durch den Einsatz der Transmissionselektronenmikroskopie konnten die Forscher erstmalig das Ausmaß der Zunahme der Myelinisierung sichtbar machen – was einen wissenschaftlichen Durchbruch bedeutet: “Wir haben damit einen Prozess entschlüsselt, der die Myelinbildung im Frontallappen bremst“ resümiert Cryan. „Unseres Wissens nach ist das die erste Studie, die eine Verbindung zwischen Mikrobiom und Myelinbildung eindeutig beweist.“ Von ihrer Entdeckung erhoffen sich die Forscher nun auch für die Therapie der Multiplen Sklerose und anderer Erkrankungen des Nervensystems, die auf Schädigungen der Myelinscheide beruhen, ganz neue Ansatzpunkte. Dabei denkt man über den Einsatz von Prae- und Probiotika sowie über Stuhlübertragungen nach, um die Zusammensetzung der Darmflora in Richtung auf einen optimalen Einfluss auf das Gehirn zu „justieren“.
 
Zukunftsmusik: Prae- und Probiotika statt Psychopharmaka?
Bis dahin bleibt allerdings noch viel zu erforschen: Cryan und sein Team planen derzeit neue Studien mit Mäusen verschiedener Altersgruppen, um herauszufinden, in welchen Lebensphasen eines Wirtes das Mikrobiom welchen Einfluss auf das Gehirn hat. „Wir wollen die grundlegenden Mechanismen verstehen: Wo im Mikrobiom liegt die Ursache für die beobachtete Wirkung“ fragt Cryan. „Sind es bestimmte Stoffwechselprodukte, die im Mikrobiom entstehen – oder ist es vielleicht ihr Fehlen – und wenn ja, ließen sich diese Substanzen z.B. mit Hilfe von Antibiotika substituieren?“ Bis dereinst vielleicht irgendwann einmal Prä- oder Probiotika Psychopharmaka ergänzen oder ersetzen, werden noch viele Jahre vergehen.
 
docFood meint
Wenn es um den möglichen therapeutischen Nutzen der Mikrobiata geht, entspringen viele Ideen von Medizinern und ERnährungstherapeuten noch dem Reich der Phantasie. Andererseits ist heute schon viel möglich – z.B. durch den Einsatz von Pre- und Probiotika im Bereich der gastroenterologischen Erkrankungen. Was alles möglich ist, darum geht es gerade mal wieder im freiraum: Im Seminar „Mikrobiota und Ernährung“ geben die Oecotrophologinnen Dr. Maike Groeneveld und Ute Körner eine aktuellen Überblick über den Stand der Wissenschaft und die derzeitigen Ansatzpunkte in der therapeutischen Praxis.

 Dr. Friedhelm Mühleib

Ernährungsfachkräfte: Digitale Patientenakte als wichtige Hilfe

Neun von zehn Bundesbürgern wollen direkten Zugang zu ihren persönlichen Gesundheitsdaten, über die Arztpraxen, Kliniken oder andere Gesundheitseinrichtungen verfügen. Das hat eine aktuelle Umfrage des Digitalverbandes Bitkom ergeben. Der Bitkom setzt sich dafür ein, dass Gesundheitsdaten auf Wunsch des Patienten in einer elektronischen Akte gespeichert werden. Der Patient soll dabei selbst entscheiden können, welche Informationen gespeichert werden und wem er diese zugänglich machen will. Die digitale Akte, über die der Patient verfügt, wäre auch für Ernährungsfachkräfte und Mitglieder anderer Gesundheitsberufe eine wichtige Hilfe.  
 
Gesundheitsdaten umfassen unter anderem Diagnosen von Ärzten, Laborergebnisse, OP-Berichte oder Röntgenbilder. „Die Patienten wollen endlich selbst Herr ihrer persönlichen Gesundheitsdaten werden“, so Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder in der aktuellen Pressemeldung. „Die Daten von Patienten liegen an den unterschiedlichsten Stellen und es ist für die Behandelten nicht immer leicht, überhaupt an sie heranzukommen.“
 

Recht auf die eigenen Daten

Informationen aus einer Behandlungsakte können zum Beispiel bei einem Arztwechsel oder bei ergänzenden Behandlungen – z.B. im Rahmen einer Ernährungstherapie – notwendig sein. So kann sich der jeweilige Behandler anhand der Krankengeschichte sowie aktueller Befunde und Verordnungen ein besseres Bild über den Gesundheitszustand des Patienten machen. Die Behandelten haben laut Bundesdatenschutzgesetz und dem Bürgerlichen Gesetzbuch das Recht, jederzeit und „unverzüglich“ ihre Patientenakte einzusehen. Auf Wunsch müssen Kopien oder Ausdrucke angefertigt werden, die allerdings kostenpflichtig sind. Rohleder: „Arztpraxen und Kliniken sollten die Einsicht in die Behandlungsakte zu einem selbstverständlichen Service für ihre Patienten machen.“
 

Digitales Patientenfach soll kommen

Als wichtigen Schritt in diese Richtung sieht der Verband das E-Health-Gesetz, das auch die Schaffung eines digitalen Patientenfachs vorsieht. Damit können die Nutzer eigenverantwortlich Gesundheitsdaten verwalten. Dazu zählen Daten aus medizinischen Untersuchungen und Behandlungen, deren Speicherung sie zustimmten, sowie eigene Daten, die sie zum Beispiel mit Fitness-Trackern oder Gesundheits-Apps sammelten. Die Voraussetzungen für die Nutzung des Patientenfachs sollen im Rahmen der elektronischen Gesundheitskarte bis 2018 geschaffen werden.
 

docFood meint

Aktuelle Laborwerte und ärztliche Befunde sind gerade in der Ernährungstherapie wichtige Voraussetzungen für zielgerichtete Behandlung. Bei Diabetes, metabolischem Syndrom, gastrointestinalen Erkrankungen und Beschwerden und vielen anderen ernährungsmitbedingten Erkrankungen muss die Beratungskraft zwingend den Status Quo des Klienten kennen. Patienten kommen derzeit jedoch ganz ohne oder mit unvollständigen bzw. veralteten Befunden in die Sprechstunde der Ernährungsfachkraft. Bis die Daten aktualisiert bzw. vervollständigt sind, vergeht oft wertvolle Zeit. Die digitale Patientenakte – so sie denn kommt – wäre hier ein enormer Fortschritt und eine große Hilfe.

 Dr. Friedhelm Mühleib

Demenz – Einfluss der Ernährung

Wenn es um Demenz, ihre Behandlung oder das Hinauszögern von Verschlechterungen geht, stehen Ernährungsfachkräfte vor einer zentralen Frage: Lässt sich der Krankheitsverlauf durch Ernährung beeinflussen? Demenz ist ursächlich nicht heilbar. Eine entsprechende Ernährung scheint zumindest Möglichkeiten zu bieten, den Krankheitsverlauf hinauszuzögern. Dr. Werner Hofmann, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster, hat sich mit Chancen und Grenzen einer Ernährungstherapie befasst.
„Zusammenhänge zwischen Ernährung und Demenz sind sehr vielfältig“, sagt Dr. Hofmann und stellt fest, dass etwa die Hälfte aller Demenzkranken schon in den Jahren vor der Diagnose schleichend Gewicht verlieren.
 

Mangelernährung und Gewichtsverlust sind häufige Begleiter

„Es lässt sich durchaus sagen: Mangelernährung und Gewichtsverlust sind begleitende Faktoren bei der Entwicklung einer Demenz“, so Hofmann nach einer aktuellen Meldung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DDG). Ob es eine Ursache und eine daraus ableitbare Wirkung gibt, hat sich bislang aber nicht klären lassen: „Das ist wie mit der Henne und dem Ei – da ist noch Spekulation im Spiel.“ Eine zentrale Frage, die insbesondere auch Ernährungsfachkräfte bewegt: Lässt sich der Krankheitsverlauf durch Ernährung beeinflussen? Hier scheint es mehr Hoffnung zu geben. Dr. Hofmann, der bis 2012 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie e.V. (DGG) war und sich intensiv mit der Ernährung alter Menschen beschäftigt, verweist auf aktuelle Studien, deren Ergebnisse nahelegen, dass eine Kombination verschiedener essentieller Nahrungsstoffe – zum Beispiel Vitamine, Fette und Aminosäuren – die Ausfallserscheinungen bei Alzheimer mildern kann.
 

Ernährung als Schalthebel

„Man kann aber leider nicht schlussfolgern, dass eine wiederaufgenommene bessere Ernährung das Fortschreiten einer Demenzerkrankung aufhält“, schränkt Hofmann ein. „Dafür ist die Datenlage noch zu begrenzt.“ Trotzdem vertritt er die Auffassung, dass die Ernährung ein Schalthebel ist, um das Gesamtbefinden der Patienten wesentlich zu beeinflussen. So gelten Hofmann zufolge exemplarisch drei Empfehlungen:
● mehr Proteine, um den Muskelabbau im Alter zu stoppen und die Sturzgefahr zu reduzieren.
● Mehr Kalorien, um den erhöhten Energieverbrauch durch Hyperaktivität auszugleichen.
● Mehr individuell zubereitete Gerichte, um Leiden wie Schluckprobleme mit entsprechender Kost aufzufangen.
 

docFood meint

Bei älteren Patienten im Alter von über 60 Jahren, die über Gewichtsverlust klagen und / oder ohne konkreten medizinischen Befund Symptome einer Mangelernährung vorweisen, sollte immer auch an die Möglichkeit der Entwicklung einer dementiellen Erkrankung gedacht werden. Sind Anzeichen kognitiver oder motorischer Einschränkungen vorhanden, sollte man dem Klienten zu einer ärztlichen Abklärung des Sachverhaltes raten.

 Redaktion docFood

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Quellen: Scheltens P et al. Efficacy of Souvenaid in mild Alzheimer’s disease: results from a randomized, controlled trial. J Alzheimers Dis. 2012;31(1):225-36. http://wurtmanlab.mit.edu/static/pdf/1051.pdf
Shah RC et al. The S-Connect study: results from a randomized, controlled trial of Souvenaid in mild-to-moderate Alzheimer’s disease. Alzheimers Res Ther. 2013 Nov 26;5(6):59. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3978853/