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Nahrungsergänzung schützt nicht vor Depression

Spekulationen über den Zusammenhang von Ernährung und Psyche führen immer wieder zu den wüstesten Theorien und Empfehlungen. So bieten Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln ausgesprochen gerne   Produktean, die Depressionen vorbeugen oder die Symptome depressiver Verstimmung lindern sollen. Das darf man komplett vergessen: Durch die  Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln kann man einerDepression nicht vorbeugen.

 

Das ist das Hauptergebnis der MooDFOOD-Studie, in der untersucht wurde, ob Nahrungsergänzungsmittel und psychologische Beratung zu gesunder Ernährung und Lebensweise vor Depressionen schützen. An der Untersuchung waren Forscher aus 15 europäischen Forschungseinrichtungen beteiligt, darunter auch Wissenschaftler der Universität Leipzig. Bei den mehr als 1000 Teilnehmern der Studie handelte es sich um übergewichtige oder adipöse Patienten aus vier europäischen Ländern. Sie hatten ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken und berichteten zu Studienbeginn über eine mindestens leichte depressive Symptomatik (..eine klinisch manifeste Depression lag allerdings nicht bei ihnen vor).

 

Nahrungsergänzung: Nicht besser als Placebo

In der Studie wurden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen unterteilt. Die Probanden der einen Gruppe („Interventionsgruppe“) nahmen täglich ein Nahrungsergänzungsmittel ein, das aus Omega-3-Fettsäuren, Kalzium, Folsäure, Selen, Vitamin D und Zink bestand. In der zweiten Gruppe erhielten die Teilnehmer ein Placebo. Zudem erhielt die eine Hälfte der Studienteilnehmer eine professionelle psychologische Beratung in Einzel- und Gruppensitzungen zu gesunder Ernährung und Lebensweise, mit dem Ziel, ein gesünderes Ernährungsmuster zu etablieren. Fazit: „Die tägliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln über die Dauer von einem Jahr kann dem Auftreten einer depressiven Episode nicht vorbeugen“, so Dr. Elisabeth Kohls, die Koordinatorin der Studie. Die Nahrungsergänzungsmittel-Präparate seien in der Studie demnach nicht wirksamer als die Placebo-Präparate gewesen, in einigen Analysen sogar schlechter. Auch eine präventive Wirkung einer professionellen psychologischen Beratung zum Thema gesunde Ernährung und Lebensweise konnte in der Studie nicht nachgewiesen werden.

 

docFood meint

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen außer dem guten Rat: Finger weg von Nahrungsergänzungsmitteln, die Hilfe bei oder Schutz vor Depressionen versprechen! Prof. Ulrich Hegerl, Mitautor der Studie betont: „Man sollte sich sowohl im Bereich Vorsorge als auch in der Therapie auf Methoden und Behandlungen mit nachgewiesener Wirkung verlassen.“ Dazu zählt er die medikamentöse Therapie und Psychotherapie, aber nicht Nahrungsergänzungsmittel. „Es ist verständlich, dass Menschen nach Möglichkeiten suchen, um das eigene Risiko, an einer Depression zu erkranken, zu reduzieren. Wir wissen jetzt, dass Nahrungsergänzungsmittel dazu eher ungeeignet sind“, fasst Hegerl die Studienergebnisse zusammen.

Foto von Daniel Reche von Pexels

Der Ernährungstherapeutische Prozess

„Der Ernährungstherapeutische Prozess“ ist der Titel eines beeindruckenden Sammelbandes, verfasst von einem Dutzend Schweizer ErnährungsberaterInnen, der als erster im deutschsprachigen Raum einen profunden Überblick dessen liefert, was vor allem in den USA schon seit Jahren als „Nutrition Care Process“ (NCP) diskutiert und vor allem auch praktiziert wird. Die folgende Rezension wurde freundlicherweise von Sonja Mannhardt, Oecotrophologin und Ernährungstherapeutin aus Schliengen, für docFood als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt:
 
Zunächst einmal ein WOW! Dieses beeindruckende Werk unserer Schweizer Kollegen bringt endlich in einer umfassenden und differenzierten Betrachtung die Komplexität des ernährungstherapeutischen Prozesses zu Papier. Erstmals im deutschsprachigen Raum wird beschrieben und eindrücklich aufgezeigt, was unsere Arbeit als professioneller Beratungsprozess von Möchtegern-Beratern unterscheidet und trägt damit maßgeblich zu einer Professionalisierung und Akademisierung unserer Arbeit bei! Damit liefert es eine großartig gelungene Beschreibung des Prozesses, der den Kern unserer Arbeit ausmacht.

Ernährungstherapie – Partnership in fünf Schritten
Anhand des im angelsächsischen Raum längst bekannten Konzeptes des „Nutrition Care Process“-Modells (NCP) wird in fünf Schritten aufgezeigt, was unsere Arbeit ausmacht: ● Ernährungstherapeutisches Assessment ● Ernährungstherapeutische Diagnose, ● die Planung der Beratung, ● die ernährungstherapeutische Intervention und ● das ernährungstherapeutische Monitoring inkl. Evaluation. Doch anders als in anderen Werken wird nicht „trocken“ und relativ praxisfern aufgezeigt, was das heißt, sondern die Autoren haben es als Kollegen verstanden, den Transfer in unsere Beratungspraxis zu schaffen. Sie begreifen und vermitteln unsere Arbeit als „partnership“. Sehr hilfreich sind in diesem Sinne zum Abschluss jedes Kapitels die „zentralen Gesichtspunkte“, die zusammenfassen sowie die „Diskussion“, die dem Lesenden wichtige Fragen zur Selbstreflektion stellt – ganz im Sinne von „partnership“.

Im Mittelpunkt: Die Patient-Berater-Beziehung
Dabei gliedert sich das Buch in zwei Hauptteile:

  1. Grundlagen des Handlungsfeldes, des Expertenwissens und der Expertise-Entwicklung ernährungstherapeutischer Fachpersonen
  2. Der ernährungstherapeutische Prozess – ein didaktisches Hilfsmittel zum Erwerb von Handlungskompetenzen.

Im ersten Teil beeindruckt vor allem das Kapitel „Kooperative Beziehungsgestaltung“. Endlich wird ausgesprochen, was andere wissenschaftliche Disziplinen längst wissen (Pädagogik, Psychotherapie, Medizin): Es ist die Patient-Berater-Beziehung die wirkt! Es werden die medizinisch-ethischen Prinzipien aufgegriffen, es wird zwischen Moral und Ethik (endlich!) unterschieden, auf das Modell der „Wirkfaktoren“ und Menschenbild ebenso eingegangen, wie auf die Merkmale einer professionellen Beziehung. Selbst neueste Erkenntnisse zur „working alliance“ werden klug, brandaktuell und dezidiert aufgegriffen und in unseren Alltag übertragen.

Vom Kern der Ernährungstherapie
Und endlich findet sich in einem Buch über NCP ein Kapitel, indem es um das Herz unserer Arbeit geht, nämlich die „ernährungstherapeutischen Interventionen“, die in Folge zu nachhaltigen Verhaltensänderungen führen sollen. Nicht nur die Prozess-Elemente wie Auftragsklärung, Zielklärung und Maßnahmenplanung kommen zur Sprache, sondern das Kapitel beginnt zu recht mit „Haltungen und Handlungen der Fachperson“. Danach werden die Kategorien ernährungstherapeutischer Interventionen beschrieben. Die direktiven (z.B. Zufuhr von Lebensmitteln und Ernährungsanpassungen; die Ernährungsedukation und -information), sowie die Ernährungsberatung und -befähigung und die indirekten Interventionen, die als Begleitung des Veränderungswegs verstanden werden können.

Ein Dankeschön an die Autoren!
Einfach wunderbar sind die vielen Praxisbeispiele, die nur jemand schreiben kann, der viel Beratungserfahrung hat. Am Ende der Lektüre kann ich den Autoren nur vollumfänglich zustimmen: „Das Buch hat das Zeug, zum Standardwerk zu avancieren.“ Es ist bestens geeignet, das eigene Handeln bewusst zu machen und zu analysieren. In jedem Fall gebührt den 12 Schweizer Kollegen und Autoren ein herzliches Dankeschön! Ihnen ist ein Werk gelungen, das nicht in blanker Theorie stecken geblieben ist und darüber hinaus zum Denken anregt.

Sonja Mannhardt

 
Übrigens: Wer die Autoren persönlich erleben und die Arbeit mit dem ernährungstherapeutischen Prozesse praxisnah kennen lernen will, dem bietet das Seminar „Der Nutrition Care Process“ (08. – 09. Juni) bei ‚freiraum – Fachseminare für Ernährungsprofis‚ eine ideale Gelegenheit.

Adrian Rufener und Sandra Jent (Hrsg.), Der Ernährungstherapeutische Prozess, Hogrefe Verlag, Bern 2016, 416 Seiten, ISBN: 978-3-456-95501-8, Preis: 49,95 EUR
 

Darmkrebs – das bringen Screenings

Patienten mit mehr oder weniger starken Verdauungsbeschwerden gehören zum Alltag von Fachkräften in der Ernährungstherapie und –beratung. Immer wieder geht es dabei auch um die Frage der Patienten: „Brauche ich eine Darmspiegelung und wenn ja, gibt es verschiedenen Methoden und welche davon ist die beste?“ Eine Reihe von Screeningverfahren soll Darmkrebs bereits in einem frühen Stadium aufspüren und damit die Krebssterblichkeit und auch die Neuerkrankungsrate reduzieren. Doch für welche der Verfahren ist dies bislang ausreichend wissenschaftlich belegt?
 
Stuhltests und endoskopische Untersuchungen können die Darmkrebssterblichkeit senken, so  das Ergebnis einer umfassenden Bewertung der derzeitigen Darmkrebs-Screening-Verfahren durch eine internationale Expertengruppe der Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation.
 

Erwiesen: Wirksamkeit von Stuhltests und Darmspiegelung

Die Experten vergaben die Prädikate „ausreichend nachgewiesen“ ( für Verfahren, die die Neuerkrankungsrate bzw. Sterblichkeitsrate tatsächlich reduzieren) oder „eingeschränkt nachgewiesen“ wenn der Nachweis gar nicht oder nur unzureichend erbracht werden konnte. Als ausreichend nachgewiesen, die Darmkrebssterblichkeit zu reduzieren, stuften die Forscher die beiden stuhlbasierten Untersuchungen ein (immunologische Tests und der Guaiac-Enzymtest) – vorausgesetzt, sie werden regelmäßig alle zwei Jahre durchgeführt. Als ebenso ausreichend nachgewiesen bewerteten die IARC-Experten die Beweislage dafür, dass eine einzige Untersuchung mit einem der endoskopischen Verfahren die Sterblichkeit reduziert: Dazu zählt die so genannte „kleine Darmspiegelung“ (Sigmoidoskopie), die nur den letzten Teil des Dickdarms erfasst, sowie die Koloskopie, bei der der gesamte Dickdarm inspiziert wird.
 

Stuhltest für Neuerkrankungen: Nachweis nicht sicher

Die Reduktion der Darmkrebs-Neuerkrankungsrate dagegen ist nach den Erkenntnissen der IARC-Forscher bislang jedoch nur für die beiden endoskopischen Verfahren ausreichend belegt. Hier liegen Ergebnisse aus großen randomisierten Studien für die Sigmoidoskopie und zahlreiche Ergebnisse aus Beobachtungsstudien für die Koloskopie vor. Auf Basis der Auswertung der vorliegenden Studien kommen die Experten zum Schluss, dass eine Risikoreduktion für Neuerkrankungen ausreichend nachgewiesen ist, da in der Koloskopie eine Sigmoidoskopie enthalten ist und man bei der Spiegelung des gesamten Darms von einer noch größeren Effektivität ausgehen kann. Für den immunologischen Stuhltest dagegen ist die Studienlage hinsichtlich der Reduktion der Neuerkrankungsrate nach dem Ergebnis der Experten noch nicht ausreichend. Jedoch gibt es Hinweise, dass die immunologischen Stuhltests, wenn sie regelmäßig im Abstand von zwei Jahren durchgeführt werden, ähnlich viele Vorstufen und Karzinome im Darm aufspüren können wie eine einmalige Koloskopie.“ Sowohl bei den endoskopischen Verfahren als auch bei den Stuhltests überwog der Nutzen die Risiken der Untersuchung. Die bisherige Studienlage zum Screening des Dickdarms mit einer Computertomographie konnte die IARC-Experten dagegen nicht überzeugen.
 

docFood meint

Bei chronischen Verdauungsbeschwerden empfiehlt sich besonders bei älteren Patienten auch in puncto Darmkrebs besondere Vorsicht. Noch immer nutzen zu wenige Menschen die Vorsorgemöglichkeiten im Rahmen von Stuhltests und endoskopischen Methoden. Ernährungsfachkräfte können durch sachliche Information und Aufklärung helfen, das zu ändern und mehr Menschen zur Vorsorge zu bewegen.

Red.

Quelle: Pressemitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums Dkfz

Adipositas: Therapie braucht den Blick auf das Stigma

Neujahr – Zeit der guten Vorsätze.  Für viele Menschen mit Übergewicht und Adipositas steht ein großer Wunsch im Vordergrund: „Abnehmen! Ich will endlich normales Gewicht!“ Im Innersten zweifeln diese Menschen häufig daran, dass dieser Wunsch jemals Wirklichkeit wird. Ein Zweifel, der nicht nur von vielen gescheiterten und vergeblichen persönlichen Abnehm-Versuchen genährt wird: Dick-Sein ist mit einem Stigma belegt ist. Es lähmt die Betroffenen wie eine Fessel, aus der es aus eigener Kraft keine Befreiung gibt.
 
Der Druck, unter den die Stigmatisierung die Betroffenen setzt, ist nach Ansicht der Psychotherapeutin und Adipositas-Expertin Prof. Claudia Luck-Sikorski ein Hauptgrund für das Scheitern vieler Ansätze der klassischen Adipositastherapie auf der Basis von Ernährungsumstellung und Diäten. Nach Meinung der Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit Gera wäre ein Verzicht auf die bisher üblichen Schuldzuweisungen vor jeder Diät Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie: „Sie gefährden den Erfolg der Behandlung. Solange wir auf dem Einzelnen herumhacken und sagen, dass der sich eigentlich nur ändern muss, um das Problem Übergewicht zu lösen – solange wird es keine echten Lösungen dafür geben.“
 

Adipositas – ein menschlicher Makel?

Ein Stigma ist ein ‚menschlicher Makel‘, der Einzelnen oder Personengruppen von ihrer Umgebung zugeschrieben wird. Wenn Menschen, die in bestimmten Eigenschaften von der gesellschaftlichen Norm abweichen, von ihrer Umgebung diskreditiert werden, kann daraus für die Betroffenen ein Stigma entstehen. Wenn Dicke z.B. verbreitet als willensschwach, hässlich, zügellos, unberührbar und faul gelten, sind das Zuweisungen, die Übergewicht und Adipositas zum Kainsmal machen, zum sichtbaren äußeren Zeichen all dieser unerwünschten Eigenschaften. Folge dieser verallgemeinernden Zuschreibung sind oft Vorurteile, die nicht selten in Diskriminierung münden. So wird Adipositas zum Stigma, das bei Betroffenen großen Leidensdruck auslösen kann, im Extremfall vergleichbar vielleicht mit dem Gefühl, ein Aussätziger zu sein.
 

„Friss einfach weniger!“

Wie sich das anfühlt? „Alle Dicken sind derselben Ausgrenzung unterworfen. Jeder hat das Recht, sie zu verachten. Und wenn sie sich darüber beklagen, wie man sie behandelt, denken eigentlich alle dasselbe: Friss weniger, Fettsau, dann kannst du dich auch integrieren.“ Deutlicher lässt sich das Stigma Adipositas wohl kaum beschreiben. Das Zitat stammt von einer der Figuren in „Vernon Subutex“, dem jüngsten Roman der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes, die von der Kritik in Frankreich und Deutschland gerade begeistert gefeiert wird. Die Autorin lässt  ihre Protagonistin weiter über ihr Schicksal als ehemals dicke Jugendliche reflektieren:  „Mit den Dicken kann man sich alles erlauben. Sie in der Kantine anmotzen, sie beschimpfen, wenn sie auf der Straße essen, ihnen gemeine Spitznamen geben, sie auslachen, wenn sie Fahrradfahren, sie ausgrenzen, ihnen Diätempfehlungen geben, ihnen sagen, sie sollen still sein, sobald sie den Mund aufmachen, sie auslachen wenn sie gestehen, dass sie gern jemandem gefallen würden, das Gesicht verziehen, wenn sie irgendwo aufkreuzen. Man kann sie schubsen, in den Wanst kneifen oder mit Füßen treten: Niemand wird sie verteidigen.“  Anschaulicher lässt sich das Stigma wohl kaum beschreiben.
 

Adipositas braucht neue Therapieansätze

Despentes‘ übergewichtige Jugendliche schafft es schließlich mit professioneller Hilfe. „Mit 17 stieß sie eine höchst diktatorische Ernährungsberaterin auf das Gleis einer drakonischen Diät. Sie war jemand, der fünf Jahre immer auf dem Bahnsteig stehen geblieben ist – diesmal funktionierte es, warum auch immer: diesen Zug nahm Sie mit, und nach sechs Monaten war sie ein anderer Mensch. ….In sechs Monaten hatte sie 18 Kilo abgenommen.“  Wie schön, dass es – warum auch immer – funktioniert hat. Im richtigen Leben funktioniert der Weg über drakonische Diäten tatsächlich nur selten. Prof. Luck-Sikorski : „Man kann diesen Menschen kein Konzept nach dem Muster präsentieren: ‚Jetzt mach halt dies oder das, dann wird das schon klappen bei dir.‘ Die Therapie muss komplett weg von der Belehrung! Diesbezüglich läuft momentan aber noch vieles schief. Das Problem ist so höchst individuell, dass diese einfachen Lösungen zum Scheitern verurteilt sind. Und sie scheitern ja auch tatsächlich. Immer wieder! Ernährungstherapie für adipöse Menschen sollte grundsätzlich auf der Basis einer Therapeutischen Allianz stehen, wie wir sie aus der Psychotherapie kennen: Als respekt- und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Therapeut und Patient bei gemeinsamer Definition des Therapiezieles und des Weges dorthin.“

Dr. Friedhelm Mühleib

Mehr zum Thema: Interview mit Prof. Luck-Sikorski im tellerrandblog

Veranstaltung: Unter dem Titel „Adipositas – ein menschlicher Makel“ vermittelt Prof. Luck-Sikorski im Februar praxisorientierte Maßnahmen und Methoden zum Umgang mit der Stigmaproblematik für Fachkräfte der Ernährungsberatung.  Das Tagesseminar findet in der Reihe „Fachseminare für Ernährungsprofis“ im Seminarhaus freiraum statt.
Beitragsfoto: Copyright Jana Hesse/DAK-Gesundheit

Diabetes mit Diät besiegen

 Isobel Murray, 65 Jahre alt, Britin aus der Nähe von Glasgow, ist glücklich. Dem Reporter der BBC-News verkündet sie strahlend: „Ich habe den Diabetes mit Diät-Drinks besiegt“. Bis vor einem Jahr wog sie 95 kg und litt an Diabetes Typ II. Als Teilnehmerin der britischen DiRECT-Studie, deren spektakuläre Ergebnisse gerade veröffentlicht wurden, hat sie nicht nur 25 kg verloren, sondern auch ihren Diabetes. Sie sagt: „Ich habe mein Leben zurückbekommen.“
 
Isobel war eine von 298 Teilnehmern des Diabetes Remission Clinical Trial (DiRECT). Bei der DiRECT Studie ging es um die Frage, ob und inwieweit sich ein bestehender Typ II Diabetes durch Gewichtsabnahme und Ernährungsumstellung heilen lässt.
 

Wendepunkt für die Therapie des Diabetes

Die Studie brachte ein Aufsehen erregendes Ergebnis: Bei 46 Prozent der Teilnehmer in der Behandlungsgruppe war der Diabetes verschwunden (  in der Kontrollgruppe waren es nur 4 Prozent). Prof Roy Taylor (Newcastle University) und Prof Mike Lean Glasgow University) als wissenschaftliche Leiter der Studie sehen darin einen Meilenstein und Wendepunkt für die Therapie des Diabetes mit dem Potential, Millionen von Patienten zu helfen.
Zu den Fakten im Einzelnen: Bei den Teilnehmern der Studie handelte es sich um zufällig über Hausarztpraxen ausgewählte, stark übergewichtige Personen mit nicht insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes im Alter von 20 bis 65 Jahren, die ihre Diagnose „Diabetes“ vor höchstens sechs Jahre erhalten hatten. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Für die Versuchsgruppe gab es ein strenges Programm mit dem Namen „Counterweigt-Plus“ und einer strikten Diät. Die Mitglieder der Kontrollgruppe erhielten von ihrem Hausarzt eine leitliniengerechte Diabetes-Therapie nach dem aktuellen Stand der diabetologischen Behandlung, wie sie ‚normalen‘ Diabetes-Patienten üblicherweise verordnet wird.
 

Drastische Umstellung der Ernährung

Die Diättherapie der Interventionsgruppe begann mit einer drastischen Umstellung: Blutzucker- und blutdrucksenkenden Medikamente wurden vom ersten Tag an abgesetzt, und die Teilnehmer mussten auf ihre bisherige Art zu essen komplett verzichten. Unter Begleitung und Beratung von Ernährungsfachkräften und geschulten Arzthelferinnen ernährten sie sich über drei bis fünf Monate hinweg ausschließlich von einer standardisierten Nährlösung (einer sogenannte Formuladiät) mit einer Energiezufuhr von ca. 850 Kalorien täglich. Anschließend lernten sie unter Anleitung der Fachkräfte schrittweise über zwei bis acht Wochen eine Umstellung auf eine kalorienarme Normalkost. Zudem wurden die Teilnehmer dann zu Bewegung animiert und erhielten eine kognitive Verhaltenstherapie.
 

50 Prozent vom Diabetes geheilt

Die Ergebnisse der Studie waren erstaunlich: Nach zwölf Monaten hatten die Teilnehmer der Interventionsgruppe im Mittel 10 kg abgespeckt (..gegenüber einem Kilo Gewichtsverlust in der Kontrollgruppe). Das eigentlich Spektakuläre aber war: Bei 46 Prozent in der Behandlungsgruppe war der Diabetes verschwunden (  in der Kontrollgruppe waren es nur 4 Prozent). Dabei war die Chance auf die Remission des Diabetes proportional zur Gewichtsabnahmen: Der Anteil der Diabetes-Remissionen stieg parallel zur Zahl der verlorenen Kilos. So war bei 86 Prozent der Patienten mit einem Gewichtsverlust von 15 kg und mehr der Diabetes verschwunden.
Dabei war die Diät-Therapie praktisch frei von Nebenwirkungen. Nicht ein einziger Patient der Interventionsgruppe brach seine Teilnahme aufgrund schwerer bzw. unerwünschter Wirkungen ab. Einige Teilnehmer litten unter vorübergehenden Störungen des Allgemeinbefindens wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Verstopfung. Die Abbrecher-Quote von 21 Prozent ging zum überwiegenden Teil nicht auf ein Scheitern an der strengen Diät zurück, sondern war in den meisten Fällen durch persönliche Umständen wie Umzug, Trauerfall oder Jobverlust bedingt.
 

docFood meint

Allen Unkenrufen zum Trotz zeigt die Studie: Ernährungstherapie kann extrem viel bewirken. Wenn ähnliche Studien und Projekte in Vergangenheit gescheitert sind, mag das auch an der fehlenden fachkundigen Betreuung gelegen haben. Die Teilnehmer von DiRECT wurden von Ernährungsfachkräften während der gesamten Laufzeit der Studie engmaschig und professionell begleitet. Alleine dieser Faktor dürfte einen großen Teil des Erfolgs erklären. Der gutgemeinte ärztliche Rat, zwischen Tür und Angel, doch möglichst ein paar Kilo abzuspecken, reicht eben nicht, um Patienten zu motivieren. Das ist etwa so wirksam, wie wenn ein Analphabet dem anderen empfiehlt, doch mal ein Buch zu lesen. In jedem Fall bleibt es spannend, denn die englischen Forscher werden die Studie weiterführen. Schließlich stehen die Teilnehmer nach Ansicht der Wissenschaftler jetzt vor der größten Herausforderung: Gewicht langfristig halten und ein erneutes Aufflammen des Diabetes vermeiden. Zur Klärung der Frage, wie die Teilnehmer das meistern, werden weitere vier Jahre lang Daten erhoben und ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Phase könnten, so Taylor und Lean, die Behandlung des Typ-2-Diabetes revolutionieren.

Dr. Friedhelm Mühleib

Einen ausführlichen Kommentar von Dr. Friedhelm Mühleib zum Umgang mit den Ergebnissen der Studie und zur Wahrscheinlichkeit von Konsequenzen für die Behandlung des Diabetes gibt es hier im tellerrandblog

Mangelernährung – die unterschätzte Gefahr

Ärzte fordern bessere ernährungsmedizinische Betreuung von Tumorpatienten zur Bekämpfung von Mangelernährung: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. stellt in ihrer aktuellen Pressemeldung fest, dass bei Tumorerkrankungen im Magen-Darm- oder im Kopf-Hals-Bereich bis zu 80 Prozent der Patienten bereits mangelernährt sind, bevor eine Behandlung begonnen wird. Dabei könne eine rechtzeitige und individuelle ernährungsmedizinische Betreuung den Therapieerfolg positiv beeinflussen und die Lebensqualität der Krebspatienten verbessern.

 
„Für die Genesung müssen Krebspatienten alle Kräfte mobilisieren. Mangelernährung und Untergewicht verschlechtern die Lebensqualität und wirken sich negativ auf die Prognose aus“, erklärt die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) Prof. Dr. med. Stephanie E. Combs.
 

Ernährungsmedizinische Betreuung ein ‚Muss‘

Wenn der Krebs den Magen-Darm-Trakt oder den Kopf-Hals-Bereich befallen hat, leiden viele Patienten unter Schluckbeschwerden oder Verdauungsstörungen. Kommen dann bei einer Strahlentherapie, insbesondere wenn diese mit einer Chemotherapie kombiniert werden muss, auch noch Übelkeit und Erbrechen hinzu, werden Gewichtsabnahme und Mangelernährung zu einem echten Risiko für den Therapieverlauf. „Deshalb sollte jeder Tumorpatient ernährungsmedizinisch betreut werden“, so Combs. Am besten wird der Ernährungsstatus eines Patienten schon vor Beginn einer onkologischen Therapie erfasst, denn ist die Mangelernährung erst fortgeschritten, helfen oft nur noch eine Magensonde oder Infusionen, um den Patienten ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Auch die aktuelle S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin  bestätigt die Notwendigkeit und den Nutzen der Ernährungstherapie: Sie kann die Leistungsfähigkeit, den Stoffwechsel, die Therapieverträglichkeit und die Lebensqualität deutlich verbessern. Prof. Dr. med. Rainer Fietkau, Direktor der Strahlenklinik am Universitätsklinikum Erlangen und Vorstandsmitglied der DEGRO zieht daraus den Schluss „Hier ist die Vernetzung der Ärzte gefragt. Radioonkologen sollten mit Ernährungsmedizinern und Ernährungsberatern zusammenarbeiten, um für Krebspatienten einen passenden Ernährungsplan aufzustellen.“
 

Zur Umsetzung fehlt der politische Wille

Kliniken und onkologische Fachpraxen, in denen professionelle Ernährungstherapie und –beratung für Tumorpatienten angeboten wird, sind in der Praxis leider die Stecknadeln im Heuhaufen. Dabei sind Tumorpatienten nur eine – wenn auch wichtige Gruppe von kranken Menschen, die von Mangelernährung betroffen sind. Mangelernährung ist die große unterschätzte Bedrohung, die nicht nur von Medien und Öffentlichkeit, sondern auch vom Gesundheitssystem und sogar den Betroffenen selbst unbeirrt unterschätzt bzw. sogar ignoriert wird. Nicht umsonst zählt z. B. die „Initiative Nachrichtenaufklärung e. V.“ die Mangelernährung zu den Top Ten der vernachlässigten Nachrichten im Jahr 2016. Da ist es zumindest ein kleiner Trost, wenn eine medizinische Fachgesellschaft wie die AMWF endlich das Thema aufgreift und nach der einzigen Maßnahme ruft, die zur Eindämmung der Mangelernährung führen kann: Ernährungsmedizinische und ernährungstherapeutische Betreuung und Behandlung der Patienten. Bis heute ist ernährungsmedizinische Betreuung bzw. Ernährungstherapie als Instrument zur Behandlung der Mangelernährung nicht anerkannt. Es gibt nach wie vor weder ein obligates Screening auf Mangelernährung in Krankenhäusern noch eine strukturelle Verankerung interdisziplinärer Ernährungsteams im klinischen Bereich – vom ambulanten Bereich ganz zu schweigen. Hier ist die Gesundheitspolitik gefragt. Die hüllt sich jedoch in so hartnäckiges Schweigen, dass man fast schon bezweifeln könnte, ob dort irgendjemand das Problem überhaupt kennt.
 

docFood meint

Ernährungsmediziner und Ernährungsfachkräfte jeder Couleur,  vereinigt euch und fordert von der Politik eine einheitliche, angemessene Honorierung für alle professionellen Leistungen im Zusammenhang mit der Mangelernährung – sowohl für die ärztliche Leistung im klinischen und ambulanten Bereich alsauch für die Ernährungstherapie durch Ernährungfachkräfte. Die Berufs- und Fachverbände sollten ihre Stimme immer wieder öffentlich erheben, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Schade, die Chance, dies im Vorfeld der Wahlen zu tun, ist schon vertan.

Dr. Friedhelm Mühleib

Online-Kurs: Mehr Nachhaltige Ernährung geht nicht

Sie interessieren sich für Nachhaltigkeit in der Ernährung, Ihre Vorstellung davon ist aber immer noch vage und sie wüssten darüber gerne mehr? Dann kann Ihnen jetzt online geholfen werden: Die Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung e.V. unter Leitung des Ernährungswissenschaftlers Dr. Karl von Körber hat jetzt ein Mammutprojekt zur Nachhaltigen Ernährung auf einem eigens dafür eingerichteten YouTube-Kanal realisiert. Im Online-Video-Kurs „Nachhaltigkeit in der Ernährung“ können Interessierte kostenlos insgesamt 13 Stunden lang im Rahmen von acht Lerneinheiten das Thema bis in seine Details erkunden.
 
Der Kurs will die Auswirkungen des Ernährungsverhaltens sowie der Ernährungssysteme auf die fünf Dimensionen Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft, Gesundheit und Kultur auf regionaler, nationaler und weltweiter Ebene aufzeigen.
 

Praktische Lösungsmöglichkeiten als zentraler Aspekt

Ausgangspunkt sind globale Herausforderungen wie Klimawandel, Armut/Welthunger, Wassermangel, Existenzsicherung kleiner und mittlerer Betriebe sowie ernährungsmitbedingte Krankheiten. Zentral ist die Vermittlung von praktischen Lösungsmöglichkeiten anhand von sieben „Grundsätzen für eine Nachhaltige Ernährung“. Die Inhalte entsprechen der seit über 35 Jahren entwickelten „Konzeption Nachhaltige Ernährung“ (auch „Vollwert-Ernährung“, „Ernährungsökologie“). Diese deckt sich mit den Nachhaltigkeitsentwicklungszielen der UN und dem UNESCO-Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung. Imeinzelnen werden dabei folgende Themenbereiche behandelt. ● Nachhaltigkeit und globale Herausforderungen ● Klimawandel und Welthunger ● Bevorzugung pflanzlicher Lebensmittel ● Ökologisch/nachhaltig erzeugte Lebensmittel ●Regionale und saisonale Erzeugnisse ● Bevorzugung gering verarbeiteter Lebensmittel ●Fair gehandelte Lebensmittel ●Ressourcenschonendes Haushalten ● Genuss ohne Reue – praktische Umsetzung
 

Kurs vermittelt ganzheitliche Zusammenhänge

Die Teilnehmenden werden zum einen befähigt, die Auswirkungen des persönlichen Ernährungsverhaltens und der globalen Ernährungssysteme kritisch zu hinterfragen – zum anderen, Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren und umzusetzen. Sie bilden sich über ganzheitliche Zusammenhänge von „Nachhaltigkeit in der Ernährung“ intensiv fort und werden angeregt, das erworbene Wissen in ihre Berufspraxis zu integrieren und professionell weiterzugeben. Das Angebot ist natürlich auch an interessierte Laien,richtet sich aber in erster Linie für Professionals aus dem Ernährungsbereich:
● Multiplikatoren aus diversen professionellen Bereichen: wie Ernährungswissenschaft /Ernährungsberatung, Umweltbildung/Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Entwicklungspolitik ●Berufstätige in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien ● Studierende und Doktoranden aller relevanten Fachrichtungen (z. B. Ernährungs-, Agrar-, Umwelt-, Sozial- und Nachhaltigkeitswissenschaften) ● interessierte Verbraucher.
 

Anerkennung für Zertifizierung angestrebt

Für zertifizierte Ernährungsfachkräfte, die sich den online-Kurs zu Gemüte führen, bemüht sich die Arbeitsgruppe derzeit um die künftige Anerkennung des Angebotes als Fortbildungsmaßnahme für die Zertifizierung. Weiterhin soll die Anerkennung als Lehrveranstaltung für Studierende verschiedener Hochschulen einschließlich Vergabe von ECTS-Punkten erfolgen. Der Online-Video-Kurs erhielt im Februar 2017 die Anerkennung als „affiliated project of the Sustainable Food Systems Programme“ („angeschlossenes Projekt des globalen Programms für nachhaltige Ernährungssysteme“). Dieses wird weltweit unter Beteiligung der beiden UN-Organisationen „Ernährungs- und Landwirtschafts-Organisation“ (FAO) und dem „UN-Umweltprogramm“ (UNEP) durchgeführt. Es ist Teil des „Zehn-Jahres-Rahmenprogramms zur Förderung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster“.
 
 

Spenden für das kostenlose Angebot sind willkommen

Die Lernvideos und der Blog stehen zur privaten Nutzung kostenlos zur Verfügung.   Da die Erstellung und Produktion mit hohen Kosten verbunden war, bitten die Herausgeber um einen freiwilligen solidarischen Nutzungsbeitrag auf und begründen das so: „Die Erarbeitung der Inhalte lief über zweieinhalb Jahre, wobei vier Personen mit hohem Einsatz und Begeisterung beschäftigt waren. Hierfür standen aber nur sehr begrenzte Mittel für die Mitarbeiter*innen zur Verfügung, ebenso für die Produktion der Videos. Insofern hoffen wir im Sinne des „Fairen Handels“ bzw. des „Crowdfundings“ auf eine Unterstützung durch die Nutzerinnen und Nutzer.“

 Red.

Quelle: Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung e. V., München
Foto: © Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung e. V., Screenshot YouTube-Video

Diabetes: Hüftgold hält Schlanke gesund

Auch Schlanke sind nicht gefeit vor Diabetes und Herzkreislauferkrankungen. Knapp 20 Prozent aller Schlanken haben ein erhöhtes Risiko, daran zu erkranken. Dabei kommt es offensichtlich in erster Linie auf den persönlichen Stoffwechsel an. Für Schlanke, die an bestimmten Stoffwechselstörungen leiden, steigt das Risiko stark an. Um vorzubeugen sollten maßgeschneiderte Lebensstil-Interventionen entwickelt werden.

 
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrum für Diabetesforschung in Tübingen und des Helmholtz Zentrums München. Die Ergebnisse haben auch Konsequenzen für die Ernährung. Ernährungsfachkräfte sollten in Beratung und Therapie bei schlanken Klienten auf die entsprechenden Risikofaktoren achten, um entsprechenden Erkrankungen vorzubeugen.
 

Risiko bei Stoffwechselstörungen dramatisch erhöht

Schlank ist gesund – diese Faustformel gilt nicht immer. Menschen, die an Diabetes erkranken, leiden häufig bereits zuvor an Krankheiten, die Mediziner zum Metabolischen Syndrom zählen: Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung mit Hypertriglyzeridämie und erniedrigtem HDL-Cholesterin, Insulinresistenz bzw. gestörte Glukosetoleranz. Bei Schlanken mit zwei oder mehr dieser Erkrankungen   steigt das Risiko für Diabetes und Herzkreislauferkrankungen dramatisch, wie die jüngst in der Fachzeitschrift „Cell Metabolism“ veröffentlichten Ergebnisse der Studie zeigen. Im Vergleich zu Menschen mit gesundem Stoffwechsel ist ihr Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen um mehr als das Dreifache erhöht – und damit sogar höher als das von Übergewichtigen mit gesundem Stoffwechsel.
 

Risiko: Wenig Fett am Bein

Doch was sind die Ursachen hierfür? Was unterscheidet diese Untergruppe von den schlanken, stoffwechselgesunden Menschen?  Diesen Fragen gingen Wissenschaftler der Medizinischen Klinik in Tübingen und des Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) am Helmholtz Zentrum München nach. Das Team um Prof. Norbert Stefan untersuchte bei knapp 1000 Probanden das Körperfett, die Fettverteilung und den Fettanteil in der Leber. Dabei zeigte sich, dass die Betroffenen nur wenig Fett an den Beinen speichern. Die Wissenschaftler untersuchten zudem die Insulin-Empfindlichkeit, die Insulin-Sekretion, die Blutgefäße und die körperliche Fitness. Auch hier zeigten sich Auffälligkeiten. „Allerdings ist bei Schlanken das fehlende Fett an den Beinen am stärksten mit einem Risiko für einen ungesunden Stoffwechsel assoziiert. Man kann daher auch sagen, ‚Hüftgold‘ hält Schlanke gesund“, fasst Prof. Norbert Stefan die Ergebnisse zusammen. Zum Vergleich: Bei Menschen mit Übergewicht sind eine nichtalkoholische Fettleber und ein erhöhter Bauchfettanteil die größten Risikofaktoren für eine Entgleisung des Stoffwechsels.
 

docFood rät

Ernährungsfachkräfte sollten in der Beratung darauf achten, dass schlanke Menschen, die z.B. unter Bluthochdruck und einer Fettstoffwechselstörung leiden, gefährdet sind und ihnen zu einer sorgfältigen ärztlichen Untersuchung raten. Wichtig wäre es, für die unterschiedlichen Untergruppen von schlanken und übergewichtigen Menschen mit Stoffwechsel-Störungen maßgeschneiderte Lebensstil-Interventionen mit entsprechenden Ernährungsprogrammen im Rahmen einer personalisierten Prävention zu entwickeln. Wie eine präventive Ernährung bei den gefährdeten Schlanken aussehen könnte, darauf geht die Studie leider nicht ein. Hier sind nun die Ernährungswissenschaftler gefragt.

  Friedhelm Mühleib

Grafik: Knapp 20 Prozent der normalgewichtigen Bevölkerung leiden unter metabolischen Störungen. Ihr kardiovaskuläres und Mortalitätsrisiko ist im Vergleich zu metabolisch Gesunden um mehr als das Dreifache erhöht. © Helmholtz Zentrum München, IDM
Quelle:  Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)

Ernährungsberatung – in den Wechseljahren wichtiger denn je

Eine Anpassung von Ernährung und Lebensstil während der Wechseljahre und danach kann die Lebenssituation von Frauen  positiv verändern – z. B. durch Steigerung der Vitalität, emotionale Stabilisierung und ein geringeres Risiko für die verschiedensten Erkrankungen. Dr. oec. troph. Birgit-Christiane Zyriax, Ernährungs- wissenschaftlerin und Präventologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Mitglied des Vorstandes der Deutschen Menopause Gesellschaft e.V. spricht im Interview mit docFood über die positive Rolle, die eine Ernährungsberatung dabei spielen kann.
 

docFood: Welche Rolle spielen Ernährung und Lebensstil für Frauen in den Wechseljahren?

 

Dr. oec. troph. Christiane Zyriax


Dr. Zyriax: Die Bedeutung der Ernährung im Leben von Frauen ist wohl nie größer als während der Wechseljahre und in den Jahren danach – von Schwangerschaft und Stillzeit abgesehen. Mit Beginn der Wechseljahre kommt es aufgrund der sinkenden Östrogenspiegel zu Veränderungen im Stoffwechsel. Insbesondere in der Postmenopause sind ein gesunder Lebensstil und eine bedarfsgerechte Ernährung wichtiger denn je. Vielen Frauen fehlt das Wissen um die Risiken, denen sie in dieser Zeit ausgesetzt sind. Ernährungsfachkräfte können hier wichtige Partner sein, wenn es um die Vorsorge durch Ernährung und Lebensstil und die Vermeidung von Risiken geht.
 

docFood: Welche Risiken sind das?

 
Dr. Zyriax: Für Frauen steigt beginnend mit den Wechseljahren das Risiko für Übergewicht und Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine Reihe von Krebserkrankungen deutlich an. Eine adäquate Ernährung und ein gesundheitsfördernder Lebensstil tragen dazu bei, diese Risiken zu reduzieren. Oft erhoffen sich Patientinnen durch Einnahme von Supplementen einen Zusatznutzen hinsichtlich der Vermeidung chronischer Krankheiten. Der Nutzen dieser Präparate ist bis heute nicht zweifelsfrei erwiesen. Erwiesen ist dagegen die Wirkung von Änderungen des Lebensstils und der Ernährung. Wir wissen heute aus vielen Studien, dass regelmäßige Bewegung, viel Obst, Gemüse und Getreideprodukte, wenig Fleisch und mäßig Alkohol sowie Verzicht auf Rauchen bei Frauen mit einer bis zu 14 Jahre höheren Lebenserwartung verbunden ist. Wer diese Regeln nicht befolgt, muss mit einem nahezu 3-fach erhöhten Krebsrisiko und einem 4-fach erhöhten kardiovaskulären Risiko leben. Umso wichtiger erscheint es, Patientinnen frühzeitig im Beratungsgespräch zu Ernährungs- und Lebensstiländerungen zu motivieren und die Möglichkeiten der persönlichen Einflussnahme auf Risikofaktoren klar hervorzuheben. Dabei sollten natürlich auch die Risiken des Einsatzes vonSupplementen thematisiert werden
 

docFood: Das müsste doch eigentlich bedeuten, dass bei Frauen in den Wechseljahren ein enormer Bedarf an Ernährungs- und Lifestyleberatung besteht?

 
Dr. Zyriax: Der Bedarf ist riesig. Ernährungsberaterinnen müssen nur lernen, ihn richtig zu wecken. Dazu braucht es auch mehr Kooperation mit den Gynäkologen. Zum einen lassen sich viele Gynäkologen gut überzeugen, dass man bei Beschwerden in den Wechseljahren mit Ernährung viel machen kann. Hinzu kommt die Gewichtsthematik, die bei Frauen ab 40 – unabhängig davon ob sie Beschwerden haben oder nicht – ein großes Thema ist. Ein stabiles Gewicht, idealerweise im Bereich des Normalgewichts, ist mit den geringsten Risiken für die Gesundheit verbunden. Ein kontinuierlicher Gewichtsanstieg im Erwachsenenalter, wie er bei vielen Frauen festzustellen ist, geht dagegen mit erhöhtem Krebsrisiko und der Entwicklung von kardiovaskulären Risikofaktoren einher. Wer es schafft, den Lebensstil und die Ernährung zu änder, kann diesen Risiken optimal vorbeugen. Ernährungsberatung kann betroffenen Frauen dabei mehr Raum und Zeit für Gespräche anbieten als jeder Arzt.
 

docFood: Um das zu leisten, müsste sich die klassische Ernährungsberatung für Frauen in den Wechseljahren hin zu einer Art Lebensstil-Coaching bewegen?

 
Dr. Zyriax: Genauso sollte es sein. Ich glaube, dass wir Ernährungsfachkräfte mit überschaubarem Aufwand die nötige Kompetenz aufbauen können, um das zu leisten. Für die Ernährungsberatung, die sich ein Stück weg bewegt von diesen klassischen Nährstoffbetrachtungen, sehe ich da eine große Chance. In meinem Seminar zeige ich Wege, wie Beratungskräfte Potenziale aufzeigen und Selbstvertrauen und Eigenkompetenz der Klientinnen stärken können. Das hilft, die Frauen von rein hormonellen Dingen abzulenken und für neue Aktivitäten zu öffnen – z. B. für Sport und Bewegung.
 

Tipp von docFood:

 Wie die Inhalte und Botschaften einer Ernährungs- und Lebensstilcoachings für Frauen in den Wechseljahren im Detail aussehen können und welche Methoden am besten zu ihrer Vermittlung geeignet sind, vermittelt die Expertin auch in Seminaren für Fachkräfte in der Ernährungsberatung. Wer mehr darüber wissen möchte, dem liefert Dr. Zyriax in einem zweitägigen Seminar freiraum-dem Seminarhaus für Ernährungsprofis im Dreieck zwischen Köln, Bonn und Aachen das nötige Handwerkszeug für die Beratungspraxis, verbunden mit vielen Beispielen aus ihrer eigenen langjährigen wissenschaftlichen und praktischen Erfahrung.
Zum freiraum und dem Seminar geht es hier.

 

Statine – kein Ausgleich für Ernährungsfehler!

Gehören Statine tatsächlich zu den Heilsbringern unter den Medikamenten und sind so risikoarm wie Kamelle? Zu diesem Eindruck könnte man nach der Lektüre eines Reviews   in der renommierten Fachzeitschrift Lancet kommen. Der britische Epidemiologe  Prof. Rory Collins und seine Mitautoren sind dort angetreten, die ihrer Meinung nach häufig verzerrte Darstellung der Therapie mit Statinen ein für alle Mal zu korrigieren. Der Nutzen der Statine werde demnach leider allzu häufig unterschätzt – die Risiken dagegen würden weit überschätzt.
 
Das steht im krassen Gegensatz zur Diskussion, die derzeit hierzulande geführt wird. „Deutsche nehmen zu viele Mittel gegen Cholesterin“ titelte sogar die BILD vor wenigen Tagen und bezog sich auf die Aussagen des Pharmakritikers Prof. Gerd Glaeske.
 

Statinverbrauch steigt ständig

„Blutfettsenker sind wichtig, taugen aber nicht dazu, Ernährungsfehler auszugleichen“, so wird Glaeske in der Deutschen Apotheker Zeitung / DAZ.online zitiert. Glaeske äußerte sich vor dem Hintergrund des gerade veröffentlichten Innovationsreport 2015 der Techniker Krankenkasse (TK), der einen Anstieg der Kosten für Lipidsenker im Jahr 2015 um 10,4 Prozent auf 54,7 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr konstatiert. Glaeske zieht daraus als einer der Autoren der Studie den Schluss, dass Statine „nicht nur im Rahmen der Sekundärprophylaxe nach einem Herzinfarkt, sondern auch bei anderen Personengruppen eingesetzt werden, die eine medikamentöse Intervention einer Ernährungsumstellung, intensiver Bewegung oder Gewichtsreduktion vorziehen“. Frei übersetzt dürfte das bedeuten: Immer mehr Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten und null Bock auf Ernährungsumstellung, Bewegung und Abnehmen ziehen Statine einer Bekämpfung der Ursachen vor, weil Pillen schlucken bequemer ist. Bleibt zu ergänzen, dass Glaeske die Statine keineswegs kategorisch verdammt. So kritisiert Glaeske, dass Schlaganfallpatienten viel zu selten ein Statin verordnet werde, obwohl die entsprechende Leitlinie den Einsatz von Statinen bei dieser Gruppe mit dem höchsten Evidenzgrad empfehle.
 

docFood meint

Rauchen, Übergewicht, Hypertonie, Diabetes mellitus und eine Hyperlipidämie gehören zu den gesicherten Risikofaktoren einer koronaren Herzkrankheit (KHK). Ernährungsfachkräfte sollten im Rahmen der Primärprävention zunächst versuchen, Patienten mit KHK zu motivieren, den Cholesterinspiegel mit Hilfe von Bewegung und diätetischen Maßnahmen – (mediterrane Kost, kohlenhydrat- und fettreduzierte Ernährung) zu senken und gleichzeitig Übergewicht abzubauen. Dabei gilt es, gemeinsam mit dem behandelnden Arzt das kardiovaskulären Risiko des Patienten im Auge zu behalten: Falls diätetische Maßnahmen nicht ausreichen, Gewicht und Cholesterin ausreichend zu senken oder der Patient diesen Weg nicht akzeptiert, wird es bei steigenden Werten riskant, auf Statine zu verzichten. Statine ja – aber mit Sinn und Verstand: So viel wie nötig und so wenig wie möglich.

 Dr. Friedhelm Mühleib