Diabetes mit Diät besiegen

 Isobel Murray, 65 Jahre alt, Britin aus der Nähe von Glasgow, ist glücklich. Dem Reporter der BBC-News verkündet sie strahlend: „Ich habe den Diabetes mit Diät-Drinks besiegt“. Bis vor einem Jahr wog sie 95 kg und litt an Diabetes Typ II. Als Teilnehmerin der britischen DiRECT-Studie, deren spektakuläre Ergebnisse gerade veröffentlicht wurden, hat sie nicht nur 25 kg verloren, sondern auch ihren Diabetes. Sie sagt: „Ich habe mein Leben zurückbekommen.“
 
Isobel war eine von 298 Teilnehmern des Diabetes Remission Clinical Trial (DiRECT). Bei der DiRECT Studie ging es um die Frage, ob und inwieweit sich ein bestehender Typ II Diabetes durch Gewichtsabnahme und Ernährungsumstellung heilen lässt.
 

Wendepunkt für die Therapie des Diabetes

Die Studie brachte ein Aufsehen erregendes Ergebnis: Bei 46 Prozent der Teilnehmer in der Behandlungsgruppe war der Diabetes verschwunden (  in der Kontrollgruppe waren es nur 4 Prozent). Prof Roy Taylor (Newcastle University) und Prof Mike Lean Glasgow University) als wissenschaftliche Leiter der Studie sehen darin einen Meilenstein und Wendepunkt für die Therapie des Diabetes mit dem Potential, Millionen von Patienten zu helfen.
Zu den Fakten im Einzelnen: Bei den Teilnehmern der Studie handelte es sich um zufällig über Hausarztpraxen ausgewählte, stark übergewichtige Personen mit nicht insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes im Alter von 20 bis 65 Jahren, die ihre Diagnose „Diabetes“ vor höchstens sechs Jahre erhalten hatten. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Für die Versuchsgruppe gab es ein strenges Programm mit dem Namen „Counterweigt-Plus“ und einer strikten Diät. Die Mitglieder der Kontrollgruppe erhielten von ihrem Hausarzt eine leitliniengerechte Diabetes-Therapie nach dem aktuellen Stand der diabetologischen Behandlung, wie sie ‚normalen‘ Diabetes-Patienten üblicherweise verordnet wird.
 

Drastische Umstellung der Ernährung

Die Diättherapie der Interventionsgruppe begann mit einer drastischen Umstellung: Blutzucker- und blutdrucksenkenden Medikamente wurden vom ersten Tag an abgesetzt, und die Teilnehmer mussten auf ihre bisherige Art zu essen komplett verzichten. Unter Begleitung und Beratung von Ernährungsfachkräften und geschulten Arzthelferinnen ernährten sie sich über drei bis fünf Monate hinweg ausschließlich von einer standardisierten Nährlösung (einer sogenannte Formuladiät) mit einer Energiezufuhr von ca. 850 Kalorien täglich. Anschließend lernten sie unter Anleitung der Fachkräfte schrittweise über zwei bis acht Wochen eine Umstellung auf eine kalorienarme Normalkost. Zudem wurden die Teilnehmer dann zu Bewegung animiert und erhielten eine kognitive Verhaltenstherapie.
 

50 Prozent vom Diabetes geheilt

Die Ergebnisse der Studie waren erstaunlich: Nach zwölf Monaten hatten die Teilnehmer der Interventionsgruppe im Mittel 10 kg abgespeckt (..gegenüber einem Kilo Gewichtsverlust in der Kontrollgruppe). Das eigentlich Spektakuläre aber war: Bei 46 Prozent in der Behandlungsgruppe war der Diabetes verschwunden (  in der Kontrollgruppe waren es nur 4 Prozent). Dabei war die Chance auf die Remission des Diabetes proportional zur Gewichtsabnahmen: Der Anteil der Diabetes-Remissionen stieg parallel zur Zahl der verlorenen Kilos. So war bei 86 Prozent der Patienten mit einem Gewichtsverlust von 15 kg und mehr der Diabetes verschwunden.
Dabei war die Diät-Therapie praktisch frei von Nebenwirkungen. Nicht ein einziger Patient der Interventionsgruppe brach seine Teilnahme aufgrund schwerer bzw. unerwünschter Wirkungen ab. Einige Teilnehmer litten unter vorübergehenden Störungen des Allgemeinbefindens wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Verstopfung. Die Abbrecher-Quote von 21 Prozent ging zum überwiegenden Teil nicht auf ein Scheitern an der strengen Diät zurück, sondern war in den meisten Fällen durch persönliche Umständen wie Umzug, Trauerfall oder Jobverlust bedingt.
 

docFood meint

Allen Unkenrufen zum Trotz zeigt die Studie: Ernährungstherapie kann extrem viel bewirken. Wenn ähnliche Studien und Projekte in Vergangenheit gescheitert sind, mag das auch an der fehlenden fachkundigen Betreuung gelegen haben. Die Teilnehmer von DiRECT wurden von Ernährungsfachkräften während der gesamten Laufzeit der Studie engmaschig und professionell begleitet. Alleine dieser Faktor dürfte einen großen Teil des Erfolgs erklären. Der gutgemeinte ärztliche Rat, zwischen Tür und Angel, doch möglichst ein paar Kilo abzuspecken, reicht eben nicht, um Patienten zu motivieren. Das ist etwa so wirksam, wie wenn ein Analphabet dem anderen empfiehlt, doch mal ein Buch zu lesen. In jedem Fall bleibt es spannend, denn die englischen Forscher werden die Studie weiterführen. Schließlich stehen die Teilnehmer nach Ansicht der Wissenschaftler jetzt vor der größten Herausforderung: Gewicht langfristig halten und ein erneutes Aufflammen des Diabetes vermeiden. Zur Klärung der Frage, wie die Teilnehmer das meistern, werden weitere vier Jahre lang Daten erhoben und ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Phase könnten, so Taylor und Lean, die Behandlung des Typ-2-Diabetes revolutionieren.

Dr. Friedhelm Mühleib

Einen ausführlichen Kommentar von Dr. Friedhelm Mühleib zum Umgang mit den Ergebnissen der Studie und zur Wahrscheinlichkeit von Konsequenzen für die Behandlung des Diabetes gibt es hier im tellerrandblog

Gelenkmittel? Kannst Du vergessen!

Wenn’s draußen feucht und kalt wird, beginnen die Knochen zu knirschen und die Gelenke zu schmerzen – und das bei Weitem nicht nur Ü 60. Häufig fängt das große Reißen in den Knochen schon in den Vierzigern und Fünfzigern an. Wenn einem derart Übles widerfährt, ist das schon den Versuch mit einem der zahlreichen Nahrungsergänzungsmittel wert, die zur Linderung entsprechender Beschwerden angepriesen werden – oder?
 
Die Verbraucherzentralen haben nun 25 Präparate aus dem derzeitigen Produktangebot in einem Marktcheck untersucht, mit vernichtendem Ergebnis. Die Bewertungen der untersuchten Produkte durch die Verbraucherschützer reichen von wirkungslos bis riskant.
 

Gesundheitliche Risiken nicht ausgeschlossen

Gelenkmittel sollen gegen Arthrose helfen oder die Knorpelmasse schützen – so die Werbung der Hersteller. Zu diesem Versprechen stellen die Verbraucherschützer zusammenfassend fest:

  • Der Nutzen der Produkte bei Gelenkerkrankungen ist fraglich, die Mittel sind häufig zu hoch dosiert und können zum Teil sogar gesundheitliche Risiken mit sich bringen.
  • Anbieter von Gelenkmitteln zur Nahrungsergänzung dürfen die Hauptwirkstoffe Glucosamin und Chondroitin nicht mit Gesundheitsversprechen bewerben.
  • Besonders Produkte aus dem Internet verheißen aber oft mehr gesundheitlichen Nutzen als belegt und erlaubt ist.
  • Bei bestimmten Krankheiten und Allergien können die Mittel sogar gefährlich sein.

 

Wirkung ist nicht nachgewiesen

Die EU verbietet die Bewerbung von Glucosamin und Chondroitin mit Gesundheitsversprechen, weil die gesundheitliche Wirkung nicht bewiesen ist. Doch nach den Ergebnissen der Verbraucherzentrale halten sich bei weitem nicht alle Anbieter an dieses Verbot. Besonders Produkte aus dem Internet verheißen den Erkenntnissen der Tester zufolge oft mehr gesundheitlichen Nutzen als belegt und erlaubt ist. So fanden die Verbraucherschützer im Rahmen des Projekts „Klartext Nahrungsergänzung“ bei 73 Prozent der im Internet angebotenen Produkte gesundheitsbezogene Angaben, die nicht zugelassen sind. Klärungsbedarf hinsichtlich der Zulässigkeit der Werbeaussagen besteht demnach auch bei fast der Hälfte der im stationären Handel angebotenen Produkte.
 

Gesetzliche Höchstmengen fehlen

Die Verbraucherzentralen mahnen des weiteren an: „Gesetzliche Höchstmengen gibt es für Glucosamin und Chondroitin nicht. Die Europäische Arzneimittelagentur hat bei einem Arzneimittel eine Dosierung von 1.250 mg Glucosamin pro Tag als pharmakologisch wirksam beurteilt. Bei mehr als der Hälfte der Nahrungsergänzungsmittel aus dem Internet lag die empfohlene Tagesdosis knapp über oder unter diesem Wert. Die Anbieter umgehen so die Prüf- und Nachweispflichten, die für Arzneimittel vorgeschrieben sind.“ Riskant können die Nebenwirkungen von Gelenkmitteln vor allem für Menschen werden, die unter Diabetes leiden, Blutgerinnungshemmer einnehmen oder allergisch auf Krebstier- oder Fischeiweiß reagieren. Mit Ausnahme der Allergenkennzeichnung sind diese Hinweise nicht gesetzlich vorgeschrieben.
 

Verbraucherzentralen fordern mehr Kontrolle

Um mehr Transparenz für Verbraucher zu schaffen, fordern die Verbraucherzentralen strengere gesetzliche Regelungen und Kontrollen für Gelenkmittel. Die Forderungen im Einzelnen:

  • Alle in Deutschland angebotenen Nahrungsergänzungsmittel müssen vor der Markteinführung behördlich auf Sicherheit und Richtigkeit der Werbeaussagen geprüft werden.
  • Die Überwachungsbehörden sind gefordert, gemäß der Health-Claims-Verordnung unzulässige Gesundheitsversprechen in größerem Umfang zu ahnden.
  • Hinweise zu Risiken und unerwünschten Wirkungen müssten gesetzlich vorgeschrieben werden.
  • Der Gesetzgeber sollte Höchstmengen für Glucosamin und Chondroitin in Nahrungsergänzungsmitteln festlegen und die zuständigen Überwachungsbehörden müssten Verstöße ahnden.
  • Verbraucher müssen besser über mögliche Risiken und wirksame Alternativen wie das Vermeiden von Übergewicht und regelmäßige Bewegung aufgeklärt werden.

Den ausführlichen Ergebnisbericht mit einer Übersicht der untersuchten Produkte (S. 23 – 25) können Sie hier herunterladen.

Dr. Friedhelm Mühleib

Quelle: Marktcheck der Verbraucherzentralen

Fettleber – immer öfter bei Kindern

Anlässlich des gestrigen Weltkindertages (20.September) weist die Deutsche Leberstiftung auf den alarmierenden Anstieg von Übergewicht bei Kindern und die in Zusammenhang damit stark steigende Zahl von Kindern hin, die an einer durch Fehlernährung und Bewegungsmangel bedingten nicht-alkoholischen Fettleber (NAFLD) leiden.Unbehandelt kann diese Krankheit schon bei jungen Menschen zu Leberkrebs führen.

 
„Es gibt dringenden Handlungsbedarf, die Zahlen sind alarmierend. Immer mehr Kinder sind zu dick und leiden unter einer chronischen Lebererkrankung wie beispielsweise der nicht-alkoholischen Fettleber“, warnt Prof. Ulrich Baumann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus der Pädiatrischen Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Hochschule Hannover.
 

Schon Dreijährige sind schon betroffen

Wie ein Report der Gesellschaft der Europäischen Gastroenterologen aus dem Jahr 2016 belegt, hat jedes zehnte in Europa von einem Arzt behandelte Kind eine nicht-alkoholische Fettleber. Sogar Dreijährige sollen unter den jungen Patienten sein. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm: In Europa ist jedes dritte Kind im Alter zwischen sechs und neun Jahren krankhaft zu dick – und fast die Hälfte aller stark übergewichtigen Kinder entwickelt eine nicht-alkoholische Fettleber. Diese Lebererkrankung macht sich nur in sehr seltenen Fällen durch Krankheitssymptome bemerkbar, sie ist jedoch stets ein großes Gesundheitsrisiko: Auch bei Kindern besteht die Gefahr einer Leberentzündung und einer Fibrose, die sich zu einer Leberzirrhose entwickeln kann. Vor allem bei einer bestehenden Zirrhose ist auch bei Kindern und Jugendlichen das Risiko für einen Leberzellkrebs deutlich erhöht. Dabei ist eine frühzeitige Diagnose unkompliziert möglich. Eine einfache Ultraschalluntersuchung kann bereits Leberveränderungen sichtbar machen, und bei übergewicht weisen auch „erhöhte Leberwerte (GPT, GOT und GGT) auf eine Lebererkrankung hin. Eine rechtzeitig gestellte Diagnose, eine Behandlung sowie eine Ernährungsumstellung und Sport können bewirken, dass sich die Fettablagerungen in der Leber wieder zurückbilden“, erklärt Prof. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung,
 

NAFLD – die ‚stille‘ Epidemie

Erschreckend ist die steigende Zahl von Kindern mit Fettleber vor allem auch deshalb, weile sich bei der Erkrankung um eine ‚stille‘ Epidemie handelt, die auch bei Erwachsenen in beängstigendem Ausmaß um sich greift. Derzeit gibt es nach aktuellen Schätzungen in Deutschland ca. rund 10 Millionen Menschen mit NAFLD, die im Anfangsstadium weitgehend beschwerdefrei ist und deshalb oft erst erkannt wird, wenn eine Fettleberhepatitis (NASH) daraus entsteht, an der derzeit ca. 2 bis 3 Millionen Menschen in Deutschland leiden. Dies wird nach Ansicht von Experten in den nächsten Jahren nicht nur die Zahl der Leberzirrhosen und der hepatozellulären Karzinome nach oben treiben, sondern auf dem Weg über die begleitende systemische Entzündungsreaktion auch die Zahl der kardiovaskulären Erkrankungen, der Kolon- und der Pankreaskarzinome.
Da es derzeit noch keine wirksamen Medikamente gegen NAFLD gibt, ist die Ernährungstherapie mit dem Ziel der Gewichtsreduktion die einzige wirkungsvolle Maßnahme, mit der sich der Zustand der Leber weitgehend normalisieren lässt. Da Patienten oft nicht willens oder fähig zu entsprechenden Lebensstiländerungen und den damit verbundenen Ernährungsumstellung sind, arbeitet die Pharmaindustrie mit Hochdruck an der Entwicklung von Medikamenten, die – wie die Ärztezeitung berichtet – schon in wenigen Jahren im Bereich der NAFLD Medikationskosten verursachen könnten, „gegen die die Kosten der Hepatitis C-Therapie geradezu überschaubar wirkten“. Schon heute werde weltweit eine Milliarde US-Dollar für NAFLD-Therapeutika ausgegeben. Dies dürfte innerhalb der nächsten acht Jahre auf 15 Milliarden US-Dollar in die Höhe schnellen.
 

docFood empfiehlt

Ernährungsfachkräfte, die mit übergewichtigen Kindern und Jugendlichen arbeiten, sollten den Eltern  immer den Rat geben, beim behandelnden Arzt eine Fettlebererkrankung abkzuklären.Wenn sich ein entsprechender Verdacht bestätigt, sollte gemeinsam mit den Eltern eine Ernährungsumstellung geplant werden, die den Schwerpunkt auf eine Reduzierung der Energiezufuhr und dabei vor allem auf eine verminderte Zufuhr von Kohlenhydraten setzt. Eine Diät also, wie sie der Ernährungswissenschaftler Prof. Nicolai Worm in seinem Buch ‚Menschenstopfleber‘ beschreibt – übertragen auf den Bedarf von Kindern.
 

Zur Deutschen Leberstiftung

Die Deutsche Leberstiftung befasst sich mit der Leber, Lebererkrankungen und ihren Behandlungen. Sie hat das Ziel, die Patientenversorgung durch Forschungsförderung und eigene wissenschaftliche Projekte zu verbessern. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit steigert die Stiftung die öffentliche Wahrnehmung für Lebererkrankungen, damit diese früher erkannt und geheilt werden können. Die Deutsche Leberstiftung bietet außerdem Information und Beratung für Betroffene und Angehörige sowie für Ärzte und Apotheker in medizinischen Fragen. Die Deutsche Leberstiftung bietet unter www.deutsche-leberstiftung.de im Service-Bereich das Informationsblatt „Lebererkrankungen bei Kindern“ zum Download an. Auch „Das Leber-Buch“ der Deutschen Leberstiftung thematisiert in der aktualisierten und erweiterten Auflage dieses Themenfeld. Weitere Informationen: www.deutsche-leberstiftung.de

Red.

Quelle: Deutsche Leberstiftung

Mangelernährung – die unterschätzte Gefahr

Ärzte fordern bessere ernährungsmedizinische Betreuung von Tumorpatienten zur Bekämpfung von Mangelernährung: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. stellt in ihrer aktuellen Pressemeldung fest, dass bei Tumorerkrankungen im Magen-Darm- oder im Kopf-Hals-Bereich bis zu 80 Prozent der Patienten bereits mangelernährt sind, bevor eine Behandlung begonnen wird. Dabei könne eine rechtzeitige und individuelle ernährungsmedizinische Betreuung den Therapieerfolg positiv beeinflussen und die Lebensqualität der Krebspatienten verbessern.

 
„Für die Genesung müssen Krebspatienten alle Kräfte mobilisieren. Mangelernährung und Untergewicht verschlechtern die Lebensqualität und wirken sich negativ auf die Prognose aus“, erklärt die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) Prof. Dr. med. Stephanie E. Combs.
 

Ernährungsmedizinische Betreuung ein ‚Muss‘

Wenn der Krebs den Magen-Darm-Trakt oder den Kopf-Hals-Bereich befallen hat, leiden viele Patienten unter Schluckbeschwerden oder Verdauungsstörungen. Kommen dann bei einer Strahlentherapie, insbesondere wenn diese mit einer Chemotherapie kombiniert werden muss, auch noch Übelkeit und Erbrechen hinzu, werden Gewichtsabnahme und Mangelernährung zu einem echten Risiko für den Therapieverlauf. „Deshalb sollte jeder Tumorpatient ernährungsmedizinisch betreut werden“, so Combs. Am besten wird der Ernährungsstatus eines Patienten schon vor Beginn einer onkologischen Therapie erfasst, denn ist die Mangelernährung erst fortgeschritten, helfen oft nur noch eine Magensonde oder Infusionen, um den Patienten ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Auch die aktuelle S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin  bestätigt die Notwendigkeit und den Nutzen der Ernährungstherapie: Sie kann die Leistungsfähigkeit, den Stoffwechsel, die Therapieverträglichkeit und die Lebensqualität deutlich verbessern. Prof. Dr. med. Rainer Fietkau, Direktor der Strahlenklinik am Universitätsklinikum Erlangen und Vorstandsmitglied der DEGRO zieht daraus den Schluss „Hier ist die Vernetzung der Ärzte gefragt. Radioonkologen sollten mit Ernährungsmedizinern und Ernährungsberatern zusammenarbeiten, um für Krebspatienten einen passenden Ernährungsplan aufzustellen.“
 

Zur Umsetzung fehlt der politische Wille

Kliniken und onkologische Fachpraxen, in denen professionelle Ernährungstherapie und –beratung für Tumorpatienten angeboten wird, sind in der Praxis leider die Stecknadeln im Heuhaufen. Dabei sind Tumorpatienten nur eine – wenn auch wichtige Gruppe von kranken Menschen, die von Mangelernährung betroffen sind. Mangelernährung ist die große unterschätzte Bedrohung, die nicht nur von Medien und Öffentlichkeit, sondern auch vom Gesundheitssystem und sogar den Betroffenen selbst unbeirrt unterschätzt bzw. sogar ignoriert wird. Nicht umsonst zählt z. B. die „Initiative Nachrichtenaufklärung e. V.“ die Mangelernährung zu den Top Ten der vernachlässigten Nachrichten im Jahr 2016. Da ist es zumindest ein kleiner Trost, wenn eine medizinische Fachgesellschaft wie die AMWF endlich das Thema aufgreift und nach der einzigen Maßnahme ruft, die zur Eindämmung der Mangelernährung führen kann: Ernährungsmedizinische und ernährungstherapeutische Betreuung und Behandlung der Patienten. Bis heute ist ernährungsmedizinische Betreuung bzw. Ernährungstherapie als Instrument zur Behandlung der Mangelernährung nicht anerkannt. Es gibt nach wie vor weder ein obligates Screening auf Mangelernährung in Krankenhäusern noch eine strukturelle Verankerung interdisziplinärer Ernährungsteams im klinischen Bereich – vom ambulanten Bereich ganz zu schweigen. Hier ist die Gesundheitspolitik gefragt. Die hüllt sich jedoch in so hartnäckiges Schweigen, dass man fast schon bezweifeln könnte, ob dort irgendjemand das Problem überhaupt kennt.
 

docFood meint

Ernährungsmediziner und Ernährungsfachkräfte jeder Couleur,  vereinigt euch und fordert von der Politik eine einheitliche, angemessene Honorierung für alle professionellen Leistungen im Zusammenhang mit der Mangelernährung – sowohl für die ärztliche Leistung im klinischen und ambulanten Bereich alsauch für die Ernährungstherapie durch Ernährungfachkräfte. Die Berufs- und Fachverbände sollten ihre Stimme immer wieder öffentlich erheben, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Schade, die Chance, dies im Vorfeld der Wahlen zu tun, ist schon vertan.

Dr. Friedhelm Mühleib

Diabetes: Hüftgold hält Schlanke gesund

Auch Schlanke sind nicht gefeit vor Diabetes und Herzkreislauferkrankungen. Knapp 20 Prozent aller Schlanken haben ein erhöhtes Risiko, daran zu erkranken. Dabei kommt es offensichtlich in erster Linie auf den persönlichen Stoffwechsel an. Für Schlanke, die an bestimmten Stoffwechselstörungen leiden, steigt das Risiko stark an. Um vorzubeugen sollten maßgeschneiderte Lebensstil-Interventionen entwickelt werden.

 
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrum für Diabetesforschung in Tübingen und des Helmholtz Zentrums München. Die Ergebnisse haben auch Konsequenzen für die Ernährung. Ernährungsfachkräfte sollten in Beratung und Therapie bei schlanken Klienten auf die entsprechenden Risikofaktoren achten, um entsprechenden Erkrankungen vorzubeugen.
 

Risiko bei Stoffwechselstörungen dramatisch erhöht

Schlank ist gesund – diese Faustformel gilt nicht immer. Menschen, die an Diabetes erkranken, leiden häufig bereits zuvor an Krankheiten, die Mediziner zum Metabolischen Syndrom zählen: Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung mit Hypertriglyzeridämie und erniedrigtem HDL-Cholesterin, Insulinresistenz bzw. gestörte Glukosetoleranz. Bei Schlanken mit zwei oder mehr dieser Erkrankungen   steigt das Risiko für Diabetes und Herzkreislauferkrankungen dramatisch, wie die jüngst in der Fachzeitschrift „Cell Metabolism“ veröffentlichten Ergebnisse der Studie zeigen. Im Vergleich zu Menschen mit gesundem Stoffwechsel ist ihr Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen um mehr als das Dreifache erhöht – und damit sogar höher als das von Übergewichtigen mit gesundem Stoffwechsel.
 

Risiko: Wenig Fett am Bein

Doch was sind die Ursachen hierfür? Was unterscheidet diese Untergruppe von den schlanken, stoffwechselgesunden Menschen?  Diesen Fragen gingen Wissenschaftler der Medizinischen Klinik in Tübingen und des Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) am Helmholtz Zentrum München nach. Das Team um Prof. Norbert Stefan untersuchte bei knapp 1000 Probanden das Körperfett, die Fettverteilung und den Fettanteil in der Leber. Dabei zeigte sich, dass die Betroffenen nur wenig Fett an den Beinen speichern. Die Wissenschaftler untersuchten zudem die Insulin-Empfindlichkeit, die Insulin-Sekretion, die Blutgefäße und die körperliche Fitness. Auch hier zeigten sich Auffälligkeiten. „Allerdings ist bei Schlanken das fehlende Fett an den Beinen am stärksten mit einem Risiko für einen ungesunden Stoffwechsel assoziiert. Man kann daher auch sagen, ‚Hüftgold‘ hält Schlanke gesund“, fasst Prof. Norbert Stefan die Ergebnisse zusammen. Zum Vergleich: Bei Menschen mit Übergewicht sind eine nichtalkoholische Fettleber und ein erhöhter Bauchfettanteil die größten Risikofaktoren für eine Entgleisung des Stoffwechsels.
 

docFood rät

Ernährungsfachkräfte sollten in der Beratung darauf achten, dass schlanke Menschen, die z.B. unter Bluthochdruck und einer Fettstoffwechselstörung leiden, gefährdet sind und ihnen zu einer sorgfältigen ärztlichen Untersuchung raten. Wichtig wäre es, für die unterschiedlichen Untergruppen von schlanken und übergewichtigen Menschen mit Stoffwechsel-Störungen maßgeschneiderte Lebensstil-Interventionen mit entsprechenden Ernährungsprogrammen im Rahmen einer personalisierten Prävention zu entwickeln. Wie eine präventive Ernährung bei den gefährdeten Schlanken aussehen könnte, darauf geht die Studie leider nicht ein. Hier sind nun die Ernährungswissenschaftler gefragt.

  Friedhelm Mühleib

Grafik: Knapp 20 Prozent der normalgewichtigen Bevölkerung leiden unter metabolischen Störungen. Ihr kardiovaskuläres und Mortalitätsrisiko ist im Vergleich zu metabolisch Gesunden um mehr als das Dreifache erhöht. © Helmholtz Zentrum München, IDM
Quelle:  Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)

Tipp gegen Tricks zum Schutz vor Demenz

Wer im Internet surft, kann sich kaum retten vor Tipps und Tricks für dieses und jenes, für eigentlich alles. Auch heute entgehe ich den Websites nicht, die mich mit Tipps und Tricks versorgen. Heute verspricht mir die Website von n-TV: „Mit diesen Tricks bleibt das Gehirn auf Zack“. Und welche tollen Tricks wären das nun? Fähigkeiten nutzen; gesund essen; viel bewegen; gezielt trainieren; Diabetes behandeln lassen; Anschluss suchen!
 
Das sollen Tipps und Tricks sein? Das sind weder Tipps noch Tricks, sondern  Selbstverständlichkeiten, die jeder jenseits der 50 verinnerlicht haben sollte. Es sind die Grundelemente eines halbwegs gesunden Lebensstils in der zweiten Lebenshälfte. Die Behandlung eines Diabetes ist kein Trick, sondern eine notwendige Maßnahme zur Verhinderung eines zu frühen Todes. Ein Trick ist das Versprechen, mit wenig Aufwand viel zu erreichen. Geht es darum, gesund und beweglich alt zu werden, klappt das in Regel nicht mit dem minimalen Aufwand. Wer rastet, der rostet. Stellt sich die Frage: Für wie dumm halten uns all jene, die uns täglich mit solchen unsäglichen Tipps und Tricks versorgen? So ist der einzige hilfreiche Tipp dieser: Wenn Dir das Netz Tipps und Tricks verspricht, surfe möglichst schnell weiter. Schalte den Computer aus und stattdessen das Hirn ein. Denke im aktuellen Fall (Demenzschutz) ein paar Minuten darüber nach, was Du heute tun kannst, um Dich jung und geistig und körperlich fit zu halten. Iss dabei einen Apfel. Das wäre Dein optimaler Demenz-Schutz.

 Friedhelm Mühleib

Rohmilch – kann Viren von Zecken enthalten

Unbehandelte Ziegenmilch vom Biohof – das muss doch ein gesunder Genuss sein. Das dachte sich eine Familie beim Besuch eines Ziegenhofs im Kreis Reutlingen im vergangenen Sommer und probierte die angebotene frische Ziegenmilch. Was keiner ahnen konnte: Die Milch war mit dem Virus der Frühsommer- Meningoenzephalitis (FSME) befallen, Vater und Sohn erkrankten an Hirnhautentzündung und landeten im Krankenhaus.
 
Dort wurden die Urlauber behandelt und waren glücklicherweise schon bald wieder wieder ganz gesund. Wissenschaftler der Universität Hohenheim nahmen den Fall daraufhin genau unter die Lupe und kamen zu dem Schluss: Nicht nur Zecken – auch infizierte Rohmilch kann Hirnhautentzündung übertragen.
 

Wie kommt es zu den Infektionen?

Wie kommt es zu den Infektionen? Ganz einfach so: Milchvieh – ganz gleich ob Kühe, Schafe oder Ziegen – zählt zu den bevorzugten Opfern von Zecken. Die meisten Tiere, die von Zecken gestochen werden, entwickeln zwar relativ rasch Immunität gegen den Erreger. Einige von ihnen scheiden ihn allerdings vorübergehend mit der Milch aus. Wer diese Milch unbehandelt zu sich nimmt, hat unter Umständen Pech gehabt und erkrankt an FSME. Was Rohmilch ist und warum sie grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen ist, ist hier bei docFood nachzulesen.Zum Glück ist es relativ einfach, sich vor FSME aus der Rohmilch zu schützen.
 

Besser auf Rohmilch verzichten

Generell gilt: Wer auf Rohmilch verzichtet und stattdessen ausschließlich Produkte aus pasteurisierter Milch zu sich nimmt, die auf mindestens 60° erwärmt worden ist, hat keine Ansteckung mehr zu befürchten. Eine generelle Angst vor Milchprodukten ist also unbegründet. Zudem schützt nach dem gegenwärtigem Kenntnisstand der Wissenschaft auch eine normale  Impfung gegen FSME vor einer Ansteckung über infizierte Nahrungsmittel. FSME-Infektionen nach dem Verzehr von Rohmilchprodukten kommen in Osteuropa regelmäßig vor. In Deutschland sei ein solcher Fall vor dem Sommer 2016 jedoch noch nicht aufgetreten, erklärte Zecken-Expertin Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie an der Universität Hohenheim.
 

Zecken bundesweit auf dem Vormarsch

Auch dieses Jahr haben der vorwiegend milde Winter und der warme Vorfrühling dafür gesorgt, dass die Zecken früh aktiv wurden. Nach wie vor sind zwar vor allem Baden-Württemberg und Bayern von FSME-Infektionen betroffen: Dort traten 80 Prozent der erfassten Fälle auf. Doch die FSME-Fälle werden inzwischen auch immer häufiger in Niedersachsen und Nordrhein Westfalen registriert. Wer sich über das Risiko an seinem Wohnort informieren will, dem hilft die neue Karte der Risikogebiete in Deutschland weiter, die erst kürzlich vom Robert-Koch-Institut aktualisiert wurde.
 

FSME – Symptome und Verlauf

Wie im Heilpraxis.net nachzulesen ist, treten bei etwa einem Drittel der Infizierten Krankheitserscheinungen auf. Zunächst kommt es zu grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen und Schwindel. Bei rund zehn Prozent entstehe laut Ärzten auch eine Hirnhautentzündung und Gehirnentzündung mit der Gefahr von bleibenden Schäden wie Lähmungen. Bei ein bis zwei Prozent der Erkrankten führt die Erkrankung zum Tode. FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) kann vor allem bei älteren Menschen schwer verlaufen. Gesundheitsexperten raten Menschen, die in Risikogebieten leben oder sich dort häufiger aufhalten und in der Natur unterwegs sind, zur Impfung gegen FSME.

 Red.

Millionen Herztote durch falsche Ernährung

Global sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen Todesursache Nummer Eins – und das hat oft selbstverschuldete Gründe. Der wichtigste Grund ist eine falsche Ernährung, so das Ergebnis der Studie eines internationales Forscherteam, die jüngst im „Journal of the American College of Cardiology“, über die die Ärzte Zeitung berichtet.
 
Der Studie zufolge ist ungesunde Ernährung an etwa der Hälfte aller Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen Schuld. Als weitere wichtige Faktoren spielen körperliche Inaktivität, Diabetes, Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck eine Rolle.
 

Die beste Therapie: frühzeitig richtig ernähren

Dr. Toni Meier von der Martin-Luther-Universität in Halle Wittenberg können Herzkrankheiten oft verhindert werden, wenn Menschen ihre Ernährung verbessern und Risiko-Erkrankungen konsequent medikamentös behandeln lassen. Man mag sie gar nicht mehr lesen, diese Meldungen, die gefühlt alle paar Tage ähnlich durch die Medien gehen. Ernährung ist an diesem und jenem, eigentlich an fast allem, was zum Tode führt, schuld. Wobei der dezente Hinweis erlaubt sei: Auch an Diabetes, Übergewicht und vielen Fällen von Blutdruck (..also den weiteren wichtigen Faktoren, die nach der neuen Studie zum Herztod führen) ist die falsche Ernährung schuld! Irgendwie muss inzwischen doch jedem klar sein, der lesen oder hören oder schauen kann, welche verheerenden Folgen es haben kann, wenn man sich dauerhaft falsch ernährt – und viele tun das über Jahrzehnte. Und trotzdem: Es wird nichts besser. Im Gegenteil. Denn gleichzeitig ist wöchentlich zu lesen, dass die Menschheit immer dicker und dicker und dicker wird.

 

So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Wer die Folgen für sich persönlich vermeiden will, der kann jederzeit bei sich selbst beginnen und seine ‚Essbiografie‘ ändern – indem er z. B. mehr darauf achtet, was er Tag für Tag in sich reinstopft und zu sich nimmt. Die Fähigkeit, sich gut, maßvoll und richtig ernähren ist leider nicht angeboren und deshalb alles andere als selbstverständlich. Fangt einfach mit ein bisschen Achtsamkeit an. Erst denken und spüren – dann essen, und zwar nur das, was Du brauchst. So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ein kleiner Schritt in Deinem Heute, ein großer für Deine Gesundheit von morgen. Hört sich leicht an, ist erstmal sehr schwer. Trotzdem: Ein Versuch lohnt sich. Wer will schon in der Statistik derer landen, die eine falsche Ernährung in den  Herztoten getrieben hat.
 

Noch immer steigt die Zahl der Toten

Übrigens: Nach den Zahlen der Wissenschaftler stieg die Zahl der Herztoten in den letzten 25 Jahren von 12,6 Millionen im Jahr 1990 auf 18 Millionen Menschen im Jahr 2015.  Die höchsten Sterberaten fanden die Forscher für vorletztes Jahr in Osteuropa, Zentralasien, dem Nahen Osten, Südamerika, Subsahara-Afrika und Ozeanien, während die Zahl der Todesopfer durch Herzkreislauferkrankungen in Deutschland, anderen EU-Ländern, Nordamerika, Japan und Südkorea seit Jahren stagniert. Nach einem Rückgang von 1990 bis 2010 von 345 auf 219 Todesfälle pro 100.000 Einwohner lag sie 2015 noch bei 203 Fällen je 100.000 Einwohner. In Deutschland starben 2015 knapp 357.000 Menschen an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung – und damit immer noch viel zu viele.

Friedhelm Mühleib

Ernährungsberatung – in den Wechseljahren wichtiger denn je

Eine Anpassung von Ernährung und Lebensstil während der Wechseljahre und danach kann die Lebenssituation von Frauen  positiv verändern – z. B. durch Steigerung der Vitalität, emotionale Stabilisierung und ein geringeres Risiko für die verschiedensten Erkrankungen. Dr. oec. troph. Birgit-Christiane Zyriax, Ernährungs- wissenschaftlerin und Präventologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Mitglied des Vorstandes der Deutschen Menopause Gesellschaft e.V. spricht im Interview mit docFood über die positive Rolle, die eine Ernährungsberatung dabei spielen kann.
 

docFood: Welche Rolle spielen Ernährung und Lebensstil für Frauen in den Wechseljahren?

 

Dr. oec. troph. Christiane Zyriax


Dr. Zyriax: Die Bedeutung der Ernährung im Leben von Frauen ist wohl nie größer als während der Wechseljahre und in den Jahren danach – von Schwangerschaft und Stillzeit abgesehen. Mit Beginn der Wechseljahre kommt es aufgrund der sinkenden Östrogenspiegel zu Veränderungen im Stoffwechsel. Insbesondere in der Postmenopause sind ein gesunder Lebensstil und eine bedarfsgerechte Ernährung wichtiger denn je. Vielen Frauen fehlt das Wissen um die Risiken, denen sie in dieser Zeit ausgesetzt sind. Ernährungsfachkräfte können hier wichtige Partner sein, wenn es um die Vorsorge durch Ernährung und Lebensstil und die Vermeidung von Risiken geht.
 

docFood: Welche Risiken sind das?

 
Dr. Zyriax: Für Frauen steigt beginnend mit den Wechseljahren das Risiko für Übergewicht und Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine Reihe von Krebserkrankungen deutlich an. Eine adäquate Ernährung und ein gesundheitsfördernder Lebensstil tragen dazu bei, diese Risiken zu reduzieren. Oft erhoffen sich Patientinnen durch Einnahme von Supplementen einen Zusatznutzen hinsichtlich der Vermeidung chronischer Krankheiten. Der Nutzen dieser Präparate ist bis heute nicht zweifelsfrei erwiesen. Erwiesen ist dagegen die Wirkung von Änderungen des Lebensstils und der Ernährung. Wir wissen heute aus vielen Studien, dass regelmäßige Bewegung, viel Obst, Gemüse und Getreideprodukte, wenig Fleisch und mäßig Alkohol sowie Verzicht auf Rauchen bei Frauen mit einer bis zu 14 Jahre höheren Lebenserwartung verbunden ist. Wer diese Regeln nicht befolgt, muss mit einem nahezu 3-fach erhöhten Krebsrisiko und einem 4-fach erhöhten kardiovaskulären Risiko leben. Umso wichtiger erscheint es, Patientinnen frühzeitig im Beratungsgespräch zu Ernährungs- und Lebensstiländerungen zu motivieren und die Möglichkeiten der persönlichen Einflussnahme auf Risikofaktoren klar hervorzuheben. Dabei sollten natürlich auch die Risiken des Einsatzes vonSupplementen thematisiert werden
 

docFood: Das müsste doch eigentlich bedeuten, dass bei Frauen in den Wechseljahren ein enormer Bedarf an Ernährungs- und Lifestyleberatung besteht?

 
Dr. Zyriax: Der Bedarf ist riesig. Ernährungsberaterinnen müssen nur lernen, ihn richtig zu wecken. Dazu braucht es auch mehr Kooperation mit den Gynäkologen. Zum einen lassen sich viele Gynäkologen gut überzeugen, dass man bei Beschwerden in den Wechseljahren mit Ernährung viel machen kann. Hinzu kommt die Gewichtsthematik, die bei Frauen ab 40 – unabhängig davon ob sie Beschwerden haben oder nicht – ein großes Thema ist. Ein stabiles Gewicht, idealerweise im Bereich des Normalgewichts, ist mit den geringsten Risiken für die Gesundheit verbunden. Ein kontinuierlicher Gewichtsanstieg im Erwachsenenalter, wie er bei vielen Frauen festzustellen ist, geht dagegen mit erhöhtem Krebsrisiko und der Entwicklung von kardiovaskulären Risikofaktoren einher. Wer es schafft, den Lebensstil und die Ernährung zu änder, kann diesen Risiken optimal vorbeugen. Ernährungsberatung kann betroffenen Frauen dabei mehr Raum und Zeit für Gespräche anbieten als jeder Arzt.
 

docFood: Um das zu leisten, müsste sich die klassische Ernährungsberatung für Frauen in den Wechseljahren hin zu einer Art Lebensstil-Coaching bewegen?

 
Dr. Zyriax: Genauso sollte es sein. Ich glaube, dass wir Ernährungsfachkräfte mit überschaubarem Aufwand die nötige Kompetenz aufbauen können, um das zu leisten. Für die Ernährungsberatung, die sich ein Stück weg bewegt von diesen klassischen Nährstoffbetrachtungen, sehe ich da eine große Chance. In meinem Seminar zeige ich Wege, wie Beratungskräfte Potenziale aufzeigen und Selbstvertrauen und Eigenkompetenz der Klientinnen stärken können. Das hilft, die Frauen von rein hormonellen Dingen abzulenken und für neue Aktivitäten zu öffnen – z. B. für Sport und Bewegung.
 

Tipp von docFood:

 Wie die Inhalte und Botschaften einer Ernährungs- und Lebensstilcoachings für Frauen in den Wechseljahren im Detail aussehen können und welche Methoden am besten zu ihrer Vermittlung geeignet sind, vermittelt die Expertin auch in Seminaren für Fachkräfte in der Ernährungsberatung. Wer mehr darüber wissen möchte, dem liefert Dr. Zyriax in einem zweitägigen Seminar freiraum-dem Seminarhaus für Ernährungsprofis im Dreieck zwischen Köln, Bonn und Aachen das nötige Handwerkszeug für die Beratungspraxis, verbunden mit vielen Beispielen aus ihrer eigenen langjährigen wissenschaftlichen und praktischen Erfahrung.
Zum freiraum und dem Seminar geht es hier.

 

Diabetes: Skalpell statt Medikamente?

Die chirurgische Magenverkleinerung könnte für Typ 2-Diabetiker mit Adipositas in Zukunft zu einer therapeutischen Standard-Option werden. Dafür haben sich Experten internationaler Diabetesorganisationen  im Rahmen des 2nd Diabetes Surgery Summit in London ausgesprochen.  Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, haben sie schon mal entsprechende Leitlinien formuliert .
 
Nach einem Bericht im Online-Portal der Ärztezeitung sehen die Experten vom „2nd Diabetes Surgery Summit“ eine überlegenen Wirksamkeit der metabolischen Chirurgie gegenüber medikamentöser Therapie.
 

Operation bereits ab einem BMI von 30

Ein bariatrischer Eingriff sollte demnach generell allen Typ-2-Diabetiker mit einem BMI ab 40 empfohlen werden, ebenso bei einem BMI ab 35, wenn sich der Blutzucker mit Arzneien und Lebensstiländerungen nicht befriedigend senken lässt. Wenn Betroffene den Blutzucker durch optimale medikamentöse Therapie einschließlich Insulin nicht in den Griff bekommen, sollte ein solcher Eingriff bereits bei einem BMI ab 30 erwogen werden. Zur Begründung der neuen Konsens-Empfehlungen beriefen sich die Experten unter anderem auf neue Langzeitdaten der STAMPEDE-Studie: Übergewichtige Zuckerkranke mit chirurgischer Magenverkleinerung bekamen in dieser Untersuchung binnen fünf Jahren ihren Stoffwechsel deutlich besser in den Griff als Patienten mit ausschließlich medikamentöser antidiabetischer Therapie.
 

docFood meint:

Derzeit gibt es ca. 6 Millionen Diabetiker in Deutschland, von denen 80 bis 90% übergewichtig sind. Der Anteil von adipösen Patienten darunter ( d.h. mit einem BMI über 30) dürfte erheblich. Um alle adipösen Diabetiker zu operieren, die unter die Kriterien des Londoner Experten-Konsenses fallen, müssten wahre Operations-Fabriken installiert werden. Die Zahl der Diabetiker, die demnach operiert werden sollten, dürfte weit mehr als eine Million betragen.  Operiert und kassiert ist schnell. Von der  eventuell lebenslang notwendigen postoperativen  Betreuung – etwa zur Vermeidung oder Behandlung der häufigen ernährungsbedingten Mangelerscheinungn bzw. von eventuellen Spätfolgen und/oder vom erneuten Auftreten des Diabetes mit allen entsprechenden Konsequenzen ist in dem Bericht keine Rede. Auch in Deutschland gibt es derzeit einen deutlichen Trend, immer mehr adipöse Diabetiker zu operieren. Bevor immer mehr Krankenhäuser Operationsfabriken als Profit-Center etablieren, bedarf es noch vieler kritischer Analysen und Diskussionen zum vermeintlichen Nutzen des Verfahrens.

  Dr. Friedhelm Mühleib